Best Make Up And Hairstyling • „In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025) • „Bugonia“ (Yorgos Lanthimos, 2025) • „Nouvelle Vague“ (Richard Linklater, 2025) • „Magellan“ (Lav Diaz, 2025) • „The Smashing Machine“ (Benny Safdie, 2025)
And the winner is ...
„Nouvelle Vague“ (Richard Linklater, 2025)
„Nouvelle Vague“ ist im wahrsten Sinne ein Film des Re-Enactments. Ein legendärer Dreh, der nämlich von Godards „À Bout De Souffle“ wird nachempfunden und zum Leben erweckt. Das Besondere ist diese Balance, das historisch Bedeutsame gleichzeitig als Avantgarde zu feiern, aber auch den Kern eines gewissen Hochstaplertums und Amateurismus dabei als Lesart aufrechtzuerhalten. Alles andere als amateurhaft ist dabei in jedem Fall das Make-Up- und Hairstyle-Design, das eine ganze Armee historischer Filmpersönlichkeiten in ihren Eigenheiten heraufbeschwört, aber nie zur Salzsäule des Ikons erstarren lässt, sondern immer auch lebhaft atmen lässt. Manchmal treten hier wichtige Filmpersönlichkeiten nur als Randnotiz auf, aber das Make-Up-&-Hairstyle macht diese wenigen Sekunden des Auftritts zum immersiven Wiedererekennen.
Best Costume Design • „Reflection In A Dead Diamond“ (Hélène Cattet & Bruno Forzani, 2025) • „Dracula“ (Radu Jude, 2025) • „Nouvelle Vague“ (Richard Linklater, 2025) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „Magellan“ (Lav Diaz, 2025)
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„Dracula“ (Radu Jude, 2025)
Für meinen Geschmack ergeht sich Radu Jude (der am häufigsten mit Filmen bei den Tellerrändern überhaupt vertretene Regisseur!) etwas zu sehr in politischer Selbstgefälligkeit und Peniswitzen, aber sein Film „Dracula“ ist dennoch über weite Strecken eine produktiv-provokante Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur. Der Mut zum Trash und popkulturellem Feuerwerk feiert der Rumäne mit einer Vielzahl sensationeller Kostüme, unter denen das des Pfählers nur eines unter vielen bleibt.
Best Production Design • „Magellan“ (Lav Diaz, 2025) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „Resurrection“ (Bi Gan, 2025) • „One Battle After Another“ (Paul Thomas Anderson, 2025) • „Warfare“ (Alex Garland & Ray Mendoza, 2025)
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„Magellan“ (Lav Diaz, 2025)
Unverhofft wurde Lav Diaz in diesem Jahr noch einmal zum Hype auf sozialen Netzwerken und letterboxd. Dabei hat er im Grunde nur gemacht, was er schon seit Jahrzehnten fleißig macht, nur dieses Mal vielleicht mit etwas höherem Budget. „Magellan“ ist ein historisches Planspiel in epischer Breite, in dem der europäische Kolonialismus mit der Geschichte der Philippinen im Namen Fernão Magalhaes kollidiert. Wie so oft bei Lav Diaz werden diese kontemplativen Bildwelten auch mit einem detailverliebten Szenenbild hergestellt, dem sich das Publikum durch die Geduld seiner Inszenierung in einer fast musealen Rezeptionsweise annähern darf.
Best Score/OST • „Maria“ (Pablo Larraín, 2024) • „One Battle After Another“ (Paul Thomas Anderson, 2025) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „The Mastermind“ (Kelly Reichardt, 2025) • „Sex“ (Dag Johan Haugerud, 2024)
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„Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025)
Der Technobass wummert, aber nur am Anfang des Films besteht der Verdacht, es ginge hier wirklich um ein hedonistisches Einswerden mit der elektronischen Soundkulisse. Der Film bricht das schnell, fiebrig-alptraumhaft setzt sich das feiernde Volk in Bewegung und verliert sich in der eigenen (Un)logik der Wüste. Auf der Flucht vor einem Krieg, einem Weltende, dem es doch nicht zu entkommen scheint. Dabei bleiben die elektronischen Klänge doch immer Gefährten der Handlung und Ko-Hypnotiseure im audiovisuellen Spiel ohne Gewinner. „Sirāt“ erkundet hier auch das Potenzial des Technos als Filmmusik. Die Bässe zeitigen eine zeitlose Permanenz, mal psychedelische, mal bedrohliche Klänge drängen sich in den richtigen Momenten in den Vordergrund.
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Best Sound Mixing • „In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „Afternoons Of Solitude“ (Albert Serra, 2024) • „Souleymane’s Story“ (Boris Lojkine, 2024) • „Warfare“ (Alex Garland & Ray Mendoza, 2025)
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„Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025)
Basswellen haben die Eigenschaft, auch physisch spürbar zu sein, auf der Haut oder indem sie ihr Umfeld zum Vibrieren oder Beben bringen können. „Sirāt“ drückt eine entweltlichende, aber auch endweltliche Stimmung ins Subkatane aus, treibt sie also buchstäblich unter die Haut. Die Soundmixer des Films regeln dabei den brummenden Klang großer motorisierter Metallmonster und monolithisch anmutender Subwoofer bis zum Anschlag.
Best Sound Editing • „Maria“ (Pablo Larraín, 2024) • „Sinners“ (Ryan Coogler, 2025) • „In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „The Voice of Hind Rajab“ (Kaouther Ben-Hania, 2025)
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„Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025)
Die Welt rumort. Alles wirkt wie eine Vor- oder Zwischenkriegszeit, ein Beben liegt ständig in der Luft wie ein Damoklesschwert. Vielleicht kann man sich dieser globalen Wirklichkeit am Besten in Form eines Kunstwerkes nähern, das überhöht und verunschärft. Ein solches audiovisuelles Gesamtwerk einer globalen Stimmung ist „Sirāt“ in seiner Gesamtheit aus Technobässen, Wüstenatmosphären, menschlichen Schreien und Motorgeheule.
Best Special / Visual Effects • „Reflection In A Dead Diamond“ (Hélène Cattet & Bruno Forzani, 2025) • „Resurrection“ (Bi Gan, 2025) • „Dracula“ (Radu Jude, 2025) • „Warfare“ (Alex Garland & Ray Mendoza, 2025) • „Baby Invasion“ (Harmony Korine, 2024)
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„Baby Invasion“ (Harmony Korine, 2024)
In „Baby Invasion“ droht das Kino, wie die Gesellschaft, dessen Ausdruck es ist, an ein Ende zu gelangen. Es ist ein Zündeln mit den Potenzialen, von der Wirklichkeit überholt zu werden, aber gerade darin auch ein positiv-gefährliches Kunstwerk. Seine visuellen Effekte sind teilweise nicht mehr von der filmischen Wirklichkeit zu trennen. Alles hier scheint künstlich, k.i.-generiert, Computerspiel und/oder unwirklich zu sein. Ein psychedelischer Alptraum. Irgendwie gleichwohl großartig.
Best Film Editing • „In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „Rotting In The Sun“ (Sebastián Silva, 2023) • „Afternoons Of Solitude“ (Albert Serra, 2024) • „Souleymane’s Story“ (Boris Lojkine, 2024)
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„In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025)
Wie ein (weiblicher) Weltgeist schwebt die Narration durch Bilder, durch (gleichbleibende) Räume und (sich verändernde) Zeiten. Die Montage bleibt dabei immer Herrin über das, was hier semantisch zusammengesetzt wird, wenngleich sich das Meiste davon nicht adäquat in Sprache rückübersetzen lässt. Es ist Filmsprache, im besten Sinne, gegen Mitte kulminierend in einer unerhört brutal-poetischen Mähdrescher-Sequenz, wo Laut/Leise, Tod/Leben, Glück/Trauer für eine Dauer editorischer Brillanz ineinsfallen.
Best Documentary Feature • „Soldaten des Lichts“ (Julian Vogel & Johannes Büttner, 2025) • „Spielerinnen“ (Aysun Bademsoy, 2024) • „Russians At War“ (Anastasia Trofimova, 2024) • „Afternoons Of Solitude“ (Albert Serra, 2024) • „Songs Of Slow Burning Earth“ (Olha Zhurba, 2024)
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„Afternoons Of Solitude“ (Albert Serra, 2024)
Dokumentarfilme sind häufig sozial oder politisch engagiert, zeichnen sich durch Mut der Thematisierung und Haltung gegenüber dem Gegenstand aus. „Afternoons Of Solitude“ ist all das nicht. Er ist ein Film amoralischer Distanz, er zeichnet sich rein durch den Blick auf die Bewegungen von Mensch und Tier aus, die er einfängt, so gekonnt, dass sie surreal wirken und doch: sie sind echt. Dieser Film ist eine Art unkommentierter Essay, er konfrontiert das mündige Publikum mit Schönheit und Schrecklichkeit einer Praxis und macht sie frei für Gedanken der Begleitdiskurs gleichwelcher Art.
Special Achievement in Social Engagement • „Mad Bills to Pay“ (Joel Alfonso Vargas, 2025) • „Vena“ (Chiara Fleischhacker, 2024) • „Sorry, Baby“ (Eva Victor, 2025) • „Souleymane’s Story“ (Boris Lojkine, 2024) • „On Falling“ (Laura Carreira, 2024)
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„Souleymane’s Story“ (Boris Lojkine, 2024)
Filmpreise, zumal politisch motivierte, werden gern opportun gemäß von politischen Ereignissen und gesellschaftlichen Trends vergeben. Das wollen wir hier nicht tun. Im Grunde kommt „Souleymane’s Story“ ein paar Jahre zu spät; Filme über die Situation Geflüchteter hat es schon zuhauf gegeben und sie wurden zuhauf ausgezeichnet. Aus ästhetischer Perspektive wohl oft zu unrecht. Und dasselbe gilt im Grunde für Filme über die Arbeiterklasse. Dieser Film kommt also zur eigenen Unzeit eines abklingenden Hypes und doch ist es dieser Film, der das soziale Kino zu seiner formalästhetischen und erzählerischen Meisterleistung verhilft. Das wollen wir auszeichnen. Es ist dieser Film, der als Ausdruck einer modernen, oft migrantischen Arbeiter- und, wenn man so will, Sklavenklasse so auf den Punkt gearbeitet, so makellos inszeniert ist, dass er die Zeiten überdauern wird, auch wenn er ein wenig zu sehr untergegangen ist unter den vermeintlich „seinesgleichen“. Dieser Film ist ein neo-neorealistisches Meisterwerk, kaum hoch genug einzuschätzen.
Special Achievement for Artistic Contribution • „One Of Those Days When Hemme Dies“ (Murat Fıratoğlu, 2024) • „Adolescence“ (Philip Barantini, 2025) • „In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025) • „Afternoons Of Solitude“ (Albert Serra, 2024) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025)
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„Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025)
Der 16mm-Korn fügt den Bildern von Mauro Herce eine gewisse Altertümlichkeit und Verbrauchtheit bei, die sich auch in den Körpern der Menschen widerspiegelt. „Sirāt“ mag ein Techno-Film sein, aber kein Film einer Zeitgeistästhetik. Stattdessen will er ein universelles, metawirkliches Filmgedicht sein. Größen der Filmgeschichte werden auch in Bildern zitiert: „Mad Max“ oder „Wages Of Fear“. Das Orange der Wüstenweiten, das Organge der Autolichter in der Nacht. Währenddessen wird im Auditiven Schnittmengen zwischen elektronischer Musik und dem vibrierenden Beben des Weltuntergangs gesucht. Eine Reise in das kollektive Unterbewusste der Gegenwart, ein kühnes audiovisuelles Kunstwerk
Best Debut Feature • „Mad Bills to Pay“ (Joel Alfonso Vargas, 2025) • „FWENDS“ (Sophie Somerville, 2025) • „One Of Those Days When Hemme Dies“ (Murat Fıratoğlu, 2024) • „Vena“ (Chiara Fleischhacker, 2024) • „Sorry, Baby“ (Eva Victor, 2025)
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„Mad Bills To Pay“ (Joel Alfonso Vargas, 2025)
Ein kleiner, aber entscheidender Film, der Ulrich Seidl (selbst Vorbild des Regisseurs Joel Alfonso Vargas) sensibel neuinterpretiert. Denn „Mad Bills To Pay“ gelingt scheinbar Unmögliches. Schonungslose Repräsentation von Klasse einer neuen, häufig, wie hier, migrantischen Arbeiterklasse, dabei mit einem Augenzwinkern über Idiotien und Perspektivarmut zu lachen, aber trotzdem mit der Solidarität der Empathie auf Augenhöhe der Figuren zu bleiben. Damit macht der Film systemisch sichtbar, was am modernen class struggle vielleicht verdrängt würde und ist dennoch ein unterhaltsamer und irgendwie auch niedlicher Film.
Best Adapted Screenplay • „A Complete Unknown“ (James Mangold, 2024) • „Peter Hujar’s Day“ (Ira Sachs, 2025) • „Two Prosecutors“ (Sergei Loznitsa, 2025) • „Two Seasons, Two Strangers“ (Shô Miyake, 2025) • „One Battle After Another“ (Paul Thomas Anderson, 2025)
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„Peter Hujar’s Day“ (Ira Sachs, 2025)
Was ist die Kunst an einem adaptierten Drehbuch gegenüber einem Originalbuch? Zunächst einmal natürlich eine gute Geschichte zu erzählen, aber eben auch, jenes Verhältnis, das zur adaptieren Vorlage — die Anordnung ihrer Teile, das Nachspuren einer Tonalität — heraufbeschworen wird. Nun, in diesem Fall ist es in gewisser Weise eine 1zu1-Zitation, es ist ein medienreflexives Experiment, ein protokollarisches Re-Enactment. Gesprochenes, das einmal schlichtweg profanes Alltagssprechen war, ist es jetzt wieder und immer noch. Aber doch, gebracht in die Form eines Spielfilms, bekommt Gesagtes neue Akzente, der Ira Sachs hier auf der Spur ist: Welche Patina, welche Zweit- und Drittbedeutungen, welche Kontexte, die vielleicht erst in Jahren und Jahrzehnten verständlich oder eben auch nie sein werden, sind es vielleicht auch jetzt in unserem, in jedem alltäglichen Sprechen, ohne dass wir davon wüssten. „Peter Hujar’s Day“ erkundet den medialen Rahmen als das zentrale Konstitut, das Alltäglichkeit von Kunst trennt und wiedervereint.
Best Original Screenplay • „Close Your Eyes“ (Victor Erice, 2023) • „In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025) • „Sentimental Value“ (Joachim Trier, 2025) • „Sex“ (Dag Johan Haugerud, 2024) • „Adolescence“ (Philip Barantini, 2025)
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„In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025)
„In die Sonne schauen“ ist ein metaphysischer Intertext. Ein ungewöhnliches Drehbuch, das als fertiger Film aussieht, als wäre es erst im Schnittraum entstanden. Tatsächlich stand jener Schnitt aber vorgegeben durch ein Buch als poetischer Assoziationsreigen bereits großenteils fest. Es ist eine Erzählform, die im Kino selten ist, zumal im deutschen. Eine Form, die (wenn überhaupt!) an Tarkovsky oder Kulumbegashvili erinnert, die aus Wortessenzen wie „warm“ oder „Wasser“ ein Kontinuum zwischen Epochen und Menschen herstellt und sich gleichzeitig einer irdischen Letztlogik entzieht.
Best Cinematography • „Living The Land“ (Huo Meng, 2025) • „Adolescence“ (Philip Barantini, 2025) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „Sex“ (Dag Johan Haugerud, 2024) • „Afternoons Of Solitude“ (Albert Serra, 2024)
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„Adolescence“ (Philip Barantini, 2025)
„Adolescence“ war wohl der Hype des Jahres und die größte Überraschung, was erzählerisch dann doch in stilistischer und inhaltlicher Radikalität auch im sogenannten Mainstream möglich ist. Ein großer Teil des Hypes bestand in der filmhandwerklichen Beschaffenheit, dass „Adolescence“ in vier Episoden erzählt ist, die allesamt nur aus einer einzigen Einstellung, also jeweils einer Plansequenz, besteht. Dieses Prinzip innoviert serielles Erzählen in der Tat, ironischerweise, indem es sich einem vierteiligen Film annähert. Zwar funktioniert die Kamera nicht in jeder Episode gleich gut und fällt gerade in der zweiten und vierten Episode doch einer so plansequenztypischen Stauchung der Ereignisse anheim. Aber insbesondere die Eröffnungsepisode macht etwas im seriellen Erzählen unglaublich Seltenes und Wertvolles: Es wartet, es atmet, es taucht in die Situativität und Haptik des Moments. Es erzeugt Roland Barthes’sche Realitätseffekte. Dafür, aber natürlich auch für die schiere Brachialität, seiner logistisch-kinematografischen Plansequenzen, erhält „Adolescence“ den Goldenen Tellerrand für die beste Kamera-Arbeit.
Best Casting Director • „Mad Bills To Pay“ (Joel Alfonso Vargas, 2025) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „Nouvelle Vague“ (Richard Linklater, 2025) • „In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025) • „Souleymane’s Story“ (Boris Lojkine, 2024)
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„In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025)
Weiblichkeit spielt eine wesentliche Rolle in Mascha Schilinskis Film und diese hat viele Gesichter und Körper. Zwischen kindlichem Frohlocken und psychosomatischer Geschundenheit verläuft das eine wie das andere durch die unzähligen memorablen Schauspielperformances spektral quer durch Zeit und Raum. Das Casting von „In die Sonne schauen“ trägt in der Wahl seiner Spielenden, in ihren zeitlich entrückten Antlitzen und nicht zu letzt ihrer großartigen Darstellungskunst zum Gelingen des Filmes bei.
Best Supporting Actress • Nathaly Navarro („Mad Bills To Pay“) • Zoe Winters („Materialists“) • Cleo Diára („I Only Rest In The Storm“) • Lea Drinda („In die Sonne schauen“) • Inga Ibsdotter Lilleaas („Sentimental Value“)
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Cleo Diára („I Only Rest In The Storm“)
„I Only Rest In The Storm“ ist ein Film über ein europäisch-afrikanisches Verhältnis und mit all den negativen, wie auch positiven Klischees, Selbst- und Fremdbildern räumt der Film ziemlich schonungslos auf. Es ist die Figur, die Cleo Diára daran spielt, die all diese Reibungseffekte verkörpert. Sie ist eine Afrikanerin, die durch und durch selbstbestimmt und ganz anders ist, als man sich das vielleicht erwarten würde. Diese Figur ist voller Freude, Lust, aber auch berechtigter Wut. Sie ist eine kraftvolle Erscheinung, neben der noch die eigene Hauptfigur blass und wortkarg erscheint.
Best Supporting Actor • Craig Tate („Nickel Boys“) • Clarenc Maclin („Sing Sing“) • José Coronado („Close Your Eyes“) • Owen Cooper („Adolescence“) • Florian Geißelmann („In die Sonne schauen“)
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José Coronado („Close Your Eyes“)
Manche Filme sind wie um ihre Nebenfigur herum gestaltet und ein solcher Film ist auch „Close Your Eyes“, dessen zentrales Geheimnis eigentlich in der Frage liegt, an was sich eine verloren gegange, dann wiedergefundene Figur erinnert, welches Verhältnis zum Leben auf welche Weise in ihm eingeschlossen ist oder eben auch wieder zum Ausdruck gelangen kann. Die Figur von José Coronado hat seine Erinnerung verloren, jedenfalls behauptet er das. Brillant und so, als würde Regisseur Victor Erice die Gesichtsregungen seines Darstellers mit der präzisen Feder der Literatur beschreiben, tut sich in den Blicken des Mannes mal das eine, dann das andere auf. Erschrecken, Erkennen, schelmische Täuschung? All das. All das.
Best Actress • Lena Urzendowsky („In die Sonne schauen“) • Renate Reinsve („Sentimental Value“) • Ella Øverbye („Dreams“) • Emma Nova („Vena“) • Eva Victor („Sorry, Baby“)
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Lena Urzendowsky („In die Sonne schauen“)
Eine klassische Hauptfigur gibt es ja eigentlich nicht in Mascha Schilinskis Film. Und doch wäre eine Labelung als „Nebendarstellerin“ zu wenig für das, was Lena Urzendowsky in ihrer Performance aufbringt. Hier bündelt sich alles, was „In die Sonne schaut“ aus- und aufmacht, wie in einem Nadelöhr. All der Schmerz, aber auch die Lebensfreude, Angst, Sehnsucht und Lust. Es ist eine betörende Performance und in ihrem ureigenen Nuschelton zumal noch irgendwie sehr deutsch. Lena Urzendowsky: jetzt schon eine große Charakterdarstellerin.
Best Actor • Sebastian Stan („A Different Man“) • Stephen Graham („Adolescence“) • Stellan Skarsgård („Sentimental Value“) • Juan Collado („Mad Bills To Pay“) • Abou Sangaré („Souleymane’s Story“)
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Abou Sangaré („Souleymane’s Story“)
Die uns immer umgebende unsichtbare, oft zwangsverdrängte moderne Arbeiterklase, ohne die nichts in der Wirtschaft laufen würde, sie hat Gesichter und Körperlichkeiten, die mir nahezu unmöglich scheinen, von professionellen Schauspielern dargestellt zu werden. Nur folgerichtig also, dass Boris Lojkine für seinen Souleymane mit einem Laien-Darsteller arbeitet, aber Abou Sangaré ist sehr viel mehr als nur ein semi-dokumentarisches Subjekt zu sein, wie es im Arbeiterklassenkino hin und wieder vorkommt. Wie auch immer Boris Lojkine ihn dazu gebracht hat, agiert Sangaré hier in einem hoch dynamisch geschnittenen Spielfilm mit Dramatik und Tragik und einem ganzen Parcours an schauspielerischen Situationen, an denen die meisten Laiendarsteller irgendwann scheitern oder die Grenzen ihres Könnens freilegen würden. Sangaré nicht, mehr noch, kulminiert alles in einer Verhörszene zwischen Lüge und Wahrheit, in der Sangaré Dinge zum Ausdruck bringt, die beides sind: eigentlich unspielbar und dokumentarisch nicht herstellbar. Aber er schafft es. Filmgeschichte.
Best Director • Mascha Schilinski („In die Sonne schauen“) • Pedro Pinho („I Only Rest In The Storm“) • Joachim Trier („Sentimental Value“) • Oliver Laxe („Sirāt“) • Boris Lojkine („Souleymane’s Story“)
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Joachim Trier für „Sentimental Value“
Mit „The Worst Person In The World“ hat Joachim Trier womöglich die Vollendung seines Stils gefunden, aber erst in „Sentimental Value“ hat er ihn zur vollständigen Meisterschaft geführt. Ein psychologisches, bürgerliches Drama in Erbfolge von Ibsen und Bergman, dabei indes immer mit einer popkulturellen Referenzialität und erzählerischem Gestenwillen, der hier viel gezähmter und effektiver ausgespielt ist, als noch in „Worst Person“. Wir können hier tief in das Universum einer Künstlerfamilie blicken, in der sich ein (beruflich auch mitunter gewollter) Narzissmus wie ein dunkler Hausgeist eingenistet hat, gleichwohl wird er immer auch verständnis- bis liebevoll observiert, ohne ihn damit zu entschuldigen. Durch herausragende schauspielerische Federführung erkennen wir hier Arten und Unarten des menschlichen Wesens und noch so viel mehr.
Best Picture • „Mad Bills To Pay“ (Joel Alfonso Vargas, 2025) • „In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025) • „Close Your Eyes“ (Victor Erice, 2023) • „Adolescence“ (Philip Barantini, 2025) • „Sex“ (Dag Johan Haugerud, 2024) • „Sirāt“ (Oliver Laxe, 2025) • „Sentimental Value“ (Joachim Trier, 2025) • „I Only Rest In The Storm“ (Pedro Pinho, 2025) • „Afternoons Of Solitude“ (Albert Serra, 2024) • „Souleymane’s Story“ (Boris Lojkine, 2024)
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„In die Sonne schauen“ (Mascha Schilinski, 2025)
Dieser Film lässt sich nicht letztlich inhaltlich-diskursiv herunterbrechen. Er ist eine gewaltige Poiesis, der über Diskursfelder wie den gewaltvollen Blick oder transgenerationelle Traumata reflektiert, aber sich letztlich immer einer sprachlichen Verortung entzieht. Das Metaphysische, Traumartige, ja, Gespenstische, das hier auf dem Brandenburger Gehöft vorherrscht, das ist es, was der Film in seiner brillant geführten Form nachspürt. Aus dieser unerhört filmischen Kraft heraus, dem Zusammenspiel von Klang, Bild, sprudelnder Schauspielkreation und ambivalent miteinander vernetzter Erzählsegmente bezieht „In die Sonne schauen“ auuch seine diskursiven Anschlussmöglichkeiten, und nicht, wie bei vielen anderen (deutschen Filmen) — andersherum.