
Die Rache am alten weißen Mann.
Originaltitel: El Ser Querido
Produktionsland: Spanien
Veröffentlichungsjahr: 2026
Regie: Rodrigo Sorogoyen
Drehbuch: Isabel Peña, Rodrigo Sorogoyen
Produktion: Nacho Lavilla, Eduardo Villanuev
Kamera: Álex de Pablo
Montage: Alberto del Campo
Darsteller: Javier Bardem, Victoria Luengo, Melina Matthews, Marina Foïs, Malena Villa, Mourad Ouani, Pepa Gracia, Raúl Prieto, Pablo Gómez-Pando, Raúl Arévalo, Núria Prims, Laura Birn
Laufzeit: 135 Minuten
Esteban Martínez ist ein gefeierter Filmregisseur, der sowohl für seine Werke als auch für seine von Gewalt und Exzessen geprägte Vergangenheit bekannt ist. Unter dem Vorwand, ihre berufliche Situation verbessern zu wollen, engagiert er seine Tochter, die Schauspielerin Emilia, für sein neues Projekt. Dabei handelt es sich um ein Liebesdrama, das auf den Kanarischen Inseln gedreht wird. Die Zusammenarbeit am Filmset führt zu einer erneuten persönlichen Annäherung, lässt jedoch auch langjährige familiäre Spannungen wieder aufleben. (Quelle: wikipedia.de)
Replik:
Man musste am Anfang noch Schlimmes ahnen, als Sorogoyen 30 Minuten lang in einer kinematografisch mehr als einfallslosen Eröffnungssequenz (Schuss/Gegenschuss) in einem Restaurant (also dort wo laut Drehbuchratgebern viele Autoren aus reinem Anfängerfehler heraus beginnen lassen) eine Vater-Tochter-Szene exponiert, nicht schlecht geschrieben, nicht schlecht gespielt, aber geradezu das Imitat der Restaurantszene aus „Sentimental Value“. Und ja, „The Beloved“ hat einen extrem verwandten Konflikt, manche würden sogar sagen: denselben. Javier Bardem, das narzisstische Regie-Genie will in seinem Spätwerk seine Tochter (Victoria Luengo) besetzen, eine mäßig erfolgreiche Schauspielerin, die ihren Vater dafür hasst, nie als Mensch von ihm gesehen worden zu sein und eigentlich, ja eigentlich, will der Vater mehr als nur einen Film drehen — er will (auch aus seiner narzisstischen Selbstüberschätzung heraus) endlich das Verhältnis zu seiner erwachsenen Tochter reparieren.

Dann: Schnitt auf den Titel. Schnitt in die Wüste. Wir sind bereits am Set des Films und die Tochter ist mittendrin. Also, all das, worum es in „Sentimental Value“, eine Annäherung von Vater und Tochter in der Drehvorbereitung, überspringt „The Beloved“ und beginnt in gewisser Weise dort, wo „Sentimental Value“ aufhört. Er nimmt den Drehprozess an sich als den Rahmen in den Blick, in dem sich Vater und Tochter neu begegnen und Sorogoyen wird genau diesen Rahmen immer und immer wieder neu bespielen. Der Dreh eines fiktiven Historienfilms wird zu einem Schlachtfeld der Deutungshoheit. Denn es geht hier mehr um nur die Frage nach Vergebung, es geht auch um die Frage, ob das männliche Genie noch in unsere Zeit passt.
Sorogoyen ist selbst ein großer Regisseur — wer weiß, ob ein Genie — aber seit jeher ein begabter Handwerker, der in spektakulären Plansequenzen arbeitet und sensationellen schauspielerischen Darbietungen Bühnen bietet. Seine Filme sind nicht zwingend die subtilsten, aber immer um hochpsychologische Konflikte mit teils komplexen (selbstzerstörerischen) Figuren angelegt. Und „The Beloved“ ist im besten Sinne großes Kino, allerdings auch ein Kino, das diese Größe dringend braucht, es ist die ganz große Prätention, als Filmemacher über Filmemacher zu erzählen, als Mann über den männlichen Narzissmus, über missbräuchliche Machthierarchien und wie der Zeitgeist dagegen revoltiert usw. Was hätte das für ein peinlicher Film werden können, wenn all diese Selbstansprüche nicht von großem künstlerischen Schaffen unterlegt werden würde! Oder wenn sich Sorogoyen dazu verleiten lassen hätte, einer der beiden Seiten die gesamte Wahrheit zuzusprechen.

Javier Bardems Figur findet hier keine Absolution, wie sie Skarsgards Figur in „Sentimental Value“ am Ende zumindest teilweise erfährt. Im Grunde bleiben beide Figuren unbeweglich — gerade darin aber liegt die menschliche Tragik. Die Tochter hat zwar entschieden, bei dem Film mitzuspielen, allerdings als Schauspielerin, als Professionelle, als Fremde. In dem Moment, in dem Bardems Figur diese Haltung aus der menschlich nachzuvollziehenden väterlichen Geste heraus in Frage stellt, zerbricht alles. Sorogoyen gelingt es, trotz oder gerade wegen dieser Unbeweglichkeit der Figuren das Publikum dabei zusehen zulassen, wie bei einem großen Autounfall. Ab einem Punkt will sich Emilia womöglich rächen, für das, was ihr Vater Esteban ihrer Mutter, ebenfalls Schauspielerin, und ihrer eigenen Kindheit angetan hat. Ihr einziges Mittel ist hierbei ihr Lachen, ihre Rolle in dem Drehteam als das Opfer, das den eigenen Vater und seine Cholerik entblößen lässt. Aber es ist eben auch Bardems Position nachzuvollziehen, der einsam ist, an der selbstgeschaffenen Spitze des zweifachen Oscarpreisträgers. Es ist ein grandioser Vergleich, der des Regisseurs mit dem des Vaters, in der Situation, das Verhältnis zu einer Regisseurin, zu einer Tochter wiederherstellen zu wollen. Das Bitten um Verzeihen würde womöglich die Autorität untergraben, aber mit allen anderen Machtmitteln macht man die Gräben nur tiefer, solang die Tochter/Schauspielerin partout keine Absolution erteilt.
Das ist also auch ein Film, der vom Filmemachen handelt. Über das Filmemachen als eine autoritäre und hierarchisierte Produktionstechnik, die der Film gleichzeitig problematisiert, aber auch nicht in einfache politisch korrekte Lösungsimperative verfällt, sondern als Tragödie spürbar macht, die Einsamkeit des Entscheidungsträgers, aber auch die Verletzlichkeit derer, die sich der Entscheidung fügen müssen. Es ist auch der formal verspielteste Film von Sorogoyen, immer wieder wechselt er scheinbar wahllos Bild- und Ton-Ebenen durch, springt ins Schwarz-Weiß, lässt Dinge über die On-Set-Mikrofone hörbar werden usw. Und immer wieder spürt er Blicken und deren Bedeutungen nach. Es geht um das Ansehen und Angesehenwerden.

„The Beloved“ ist (vor allem, wenn man selbst Filmsets kennt) schmerzhaft, wahnsinnig unangenehm und manchmal dann aber sogar ziemlich lustig dabei. Sorogoyen bespielt die gesamte Klaviatur inszenatorischer Höhen- und Tiefenmomente. In einer Kernszene, in der ein einfache Fischsuppen-Szene immer und immer und immer wieder wiederholt werden muss, treibt er das Ganze so auf die Spitze, dass wir lachen müssen und am Ende doch am Gefühl partizipieren können, dass hier etwas jetzt unwiederbringlich zerbrochen ist. Am Ende des Filmes ist es auch dieses Lachen, als eine Fähigkeit Emilias, die sie über Esteban triumphieren lässt. Was es ist, manipulatives Machtmittel oder eine aufrichtige Menschlichkeit, die ihr Vater längst verloren hat, das muss jeder für sich entscheiden.
Der Vater-Tochter-Konflikt mag mitunter sehr offensichtlich konturiert sein, das Drehbuch schafft es aber die entscheidenden Stellen der Backstory unausgesprochen zu belassen. Was genau wie bei Estebans fiktivem Debütfilm „Siroco“ passiert ist, sodass Emilias Mutter mit dem Vater nicht mehr spricht und ihre Schauspielkarriere beendet hat — wir können es uns denken. Die Mutter selbst ist im Film ohnehin kaum zu sehen, aber sie läuft als permanenter hochkomplexer Subtext unter dieser Familientragödie mit. Für einen kurzen Moment beleidigt Esteban seine Tochter auf dem Set sogar mit einer klassistischen Bemerkung und wir müssen mutmaßen: Eigentlich wollte er diese Tochter nie. Aber jetzt ist sie da. Und womöglich wird sie sein Ende sein.



