
Ein Nachtrag zu meinen Berlinale-Notizen zu Wim Wenders, den Jury-Entscheidungen und dem politischen Film.
Es gab Antworten auf meinen Meinungsartikel1 über Wim Wenders, den Juryentscheidungen und dem politischen Film — wie schön! Viele haben zugestimmt, andere widersprochen und ganz ganz ganz viele wahrscheinlich geschwiegen, vielleicht auch in Missmut und Dissens. Die Berlinale, die sich selbst ja als „politischstes Filmfestival“ feiert, ist nach der Meinung einiger in Gefahr, weil Wim Wenders nicht die Arbeit der Politiker tun wollte. Dabei zeigen doch die letzten Tage genau das Gegenteil. Es wurde kontrovers diskutiert und all das konnte und durfte stattfinden. Es wurde eben nicht zensiert und nicht ausgeladen und noch nicht einmal ist eine Jury zurückgetreten. Im Gegenteil: die viel kritisierte Jury zeichnete ausgerechnet einen Film aus, der vor den Augen Wolfram Weimers Weltpremiere feierte und genau diese institutionelle Cancel-Kultur thematisiert, die einige befürchten, schon stattzufinden, weil wieder andere (durch die Blume oder nicht) dasselbe einfordern. Wie es weitergeht mit der Berlinale, ist noch unklar, aber eines steht fest: Diese Ausgabe ist dem Anspruch der Berlinale, ein politisches Festival, ein diskursiver Begegnungsraum zu sein, vielleicht unfreiwillig, aber so eben doch sogar in einem ziemlich historischen Ausmaße gerecht geworden. Wohl mag das nicht die Absicht von Tricia Tuttle und Co gewesen sein, die merkbar versucht hat, die Füße bei Palästina-Fragen stillzuhalten und durch ihr Abwälzen der Tilo-Jung-Frage auf die Jury erst deren unglückliches Aussehen hervorgebracht haben. Und doch, ich meine, man sollte diese Berlinale nicht als Scheitern, sondern viel mehr eine Chance begreifen. Denn die Art und Weise, wie die Berlinalen der letzten Jahre „politisch“ waren, in denen konform mit der Bundesregierungshaltung Dissidentenfilme aus dem Iran ausgezeichnet wurden oder „fuck Putin“ auf Plakate geschrieben worden sind, waren eben nur symbolpolitisch politisch. Will man das wirklich vermissen? Zum Mythos des „politischsten Festivals“ hat die 1970er-Ausgabe mit Sicherheit mehr beigetragen als die Ausgaben von 2015 oder 2020.
Politischer Film und Aktivismus?
Ich habe auch darüber nachgedacht, dass ich in meinem Artikel zuvor, vielleicht mitunter über die Gebühr zwei Dinge miteinander in Verbindung gesetzt habe: Die politisch-unpolitische Pressekonferenz von Wim Wenders und eine Frage nach dem Wesen des politischen Films. Über die gesamte Berlinale hinweg überwog in mir ein Unbehagen, dass politisches Filmemachen auf dem Vormarsch ist, dass sich dezidiert aktivistisch versteht und damit bei vollem Bewusstsein für die eigene Filterblase und gegen die Ambiguität der Wirklichkeit gerichtet ist. Der Bezug zu Wim Wenders Statement besteht aber höchstens implizit, insofern, dass jene, die den aktivistischen Film abfeiern und jene, die Wim Wenders am lautesten kritisiert haben, häufig dieselben gewesen sind. Aber das ist auch nur eine Wahrnehmung von mir, ergo: eine Verallgemeinerung, und muss als solche gekennzeichnet werden. Und das möchte ich also auch als Frage und mögliche Kritik an mich selbst adressieren, ob dieser Konnex wirklich so da ist, wie ich ihn empfunden habe, gleichwohl ich ihn immer noch so empfinde.
Aktivistische FilmemacherInnen würden mir jedenfalls wahrscheinlich sagen: Ja, aber die Zeiten! Die Zeiten, in denen wir leben, erfordern solche Filme.2 Auch darüber habe ich nachgedacht und komme aber zu einem anderen Ergebnis: Wenn wir einmal damit anfangen, Filme überwiegend aus einer Lager-Logik zu machen, in „uns“ und „die anderen“ zu unterteilen, kommen wir in eine Teufelsküche ohne Ausgang. Das ist auch das, was Ameer Fakher Eldin in seiner Rede meinte: Ein solches Kino würde ein Gegen-Kino derselben Mittel erzeugen, indem dann sowieso beide Seiten nur mit dem eigenen Klientel kommunizieren. Im Krieg stirbt die Wahrheit zu erst und im filmaktivistischen Kulturkampf stirbt Siegfried Kracauers „äußere Wirklichkeit“ und Thomas Bauers Ambiguität(stoleranz) zuerst. Und das will ich, wenn überhaupt, erst dann aufgeben, wenn es wirklich nicht anders geht. Und solange keine Faschisten absolute Mehrheiten haben, wird es gehen.
„Selbstreinigung“, seriously?
Oben schon ist ein Artikel von Rüdiger Suchsland verlinkt, einem Filmkritiker, in dessen ästhetischem Gespür für das Richtige und Falsche ich mich häufig wiederfinde und dessen häufig etwas ungehobelte und direkte Art mir in aller Regel ziemlich gut gefällt. Beim Thema Gaza ist er allerdings einer völlig anderen Meinung als ich. Gerne kritisiert er, dass in der pro-palästinensischen Seite über die jüdischen Opfer selten ein Wort verloren wird. Das stimmt, aber andererseits habe ich Rüdiger Suchsland auch noch nie von palästinensischen Opfern reden gehört oder gelesen. Im Falle dieser Berlinale kommt er jedenfalls zu in meinen Augen völlig falschen Schlüssen und ich komme nicht umhin, das zu kritisieren: Suchsland echauffiert sich über den Auftritt eines palästinensischen Preisträgers — und das tut er nicht zum ersten Mal. Die aktivistische Rhetorik Abdallah Alkhatibs finde ich auch in dem Punkt nicht mehr in Ordnung, als er sagt, er werde sich an seine Verbündeten und Gegner erinnern, was in der Tat einer Drohung mit autoritaristischem Tonfall gleichkommt. Man kannn diese Kritik in dem Fall also nachvollziehen. Aber eine, Zitat, „Selbstreinigung“ der Berlinale von Elementen, die israel-kritisch und pro-palästinensisch sind, geht ganz gefährlich in dieselbe Richtung, die ja Ilker Çataks Film „Gelbe Briefe“ kritisiert. Hier wird Suchsland selbst zum Kulturkämpfer, ja, selbst zum Aktivisten und er trägt rhetorisch zu einer Cancel-Culture bei, die er vorgibt, zu bekämpfen. Besonders problematisch ist das, weil er das in einem Kontext einer Fremdreinigung (etwa durch Wolfram Weimer) erwähnt, im Grunde meint er also einen Vorgriff auf dasselbe. Wenn die Rechten nicht das Feld säubern, soll man es lieber schnell selbst machen. Was ist dann der Unterschied? Und ist das nicht genau das, was uns Ilker Çatak in seinem Film vorführt? Auf welche Weise Macht eben nicht immer direkt, sondern gerne über die Umwege der Freiwilligkeit wirkt? Das ist jedenfalls ein brandgefährlicher Gedanke, vom dem ich hoffe, dass er einfach im Eifer des Gefechts geschrieben worden ist, denn er sieht Suchsland sonst so gar nicht ähnlich. Ein Filmfestival muss doch eine Vielfalt an Filmen zeigen und auch politische Äußerungen der Filmschaffenden zulassen, um den öffentlichen Diskurs zu ermöglichen.3 Es muss und sollte sich aber nicht unbedingt und um jeden gratismutigen Discounterpreis öffentlich mit politischem Gehabe gemein machen; in diesem Punkt bin ich eben voll bei Wim Wenders. Ein Festival sollte sich gegen Cancel-Ritter zur Wehr setzen, die Filme bloß aufgrund ihrer Staatszugehörigkeit verhindern wollen. Freilich gehören dazu dann auch Filme aus Israel und selbst noch aus Russland.4
Was bleibt, was bleiben sollte
Im selben Moment, indem ich den aktivistischen politischen Pamphletismus kritisiere, will ich nämlich genauso wenig, dass man ihn aus dem Festivalbetrieb ausschließt. Ich will ihn lediglich kritisch einordnen und auf seine zunehmend hegemoniale Stellung in gewissen Kreisen aufmerksam machen, der vor allem den schleichenden Verlust eines anderen Filmemachens bedeutet (Wim Wenders hat mit dem Begriff der ´Effektivität‘ darauf hingewiesen). Aber niemals würde ich mich hinstellen und eine institutionelle Reinigung von welchen Elementen auch immer fordern, rein aktivistische Filme sollen gerne weiterhin gemacht werden dürfen und ich werde sie weiterhin kritisch hinterfragen dürfen.
Während einige in Wim Wenders Äußerung den Versuch gesehen haben, politische Stimmen auszuschließen, muss man anerkennend sagen, dass der Ausschluss von Stimmen eben genau nicht passiert ist. Die Preisverleihung war davon ein deutliches Zeugnis, das ist gut so. Manche Dinge wurden auf Bühnen gesagt, die von anderen unerträglich gefunden worden sind, auch das ist gut so. Wir haben eine aufgehitzte und äußerst diskursfreudige Berlinale gesehen und das ist gut so. Wir haben einen tollen Gewinnerfilm gesehen, der filmisch überzeugend ist, aber auch eine hervorragende Antwort auf die Fragen politischer Meinungsfreiheit darstellt, in dem sie klug und universell in einer fiktiven deutsch-türkischen Gesellschaft durchleuchtet — auch das ist gut so. Sollte die Berlinale dazu übergehen, egal, von welcher politischen Seite, Meinungen und Herkünfte auszuschließen oder mundtot zu machen, wird die Verhinderung dessen auch mein Kampf sein. Aber was ich stattdessen gesehen habe, war im Großen und Ganzen ziemlich gut so, wie es war.
Außer die Filme, die hätten im Großen und Ganzen besser sein können. Aber auch das gehört irgendwie zur Berlinale dazu.
- Einige Begriffe und Kontexte in diesem Artikel wird man möglicherweise nur verstehen können, wenn man den vorherigen Artikel gelesen hat. [↩]
- Es ist allgemein ein bisschen ein rhetorisches Klischee auf bürgerlichen Veranstaltungen geworden, dass man sich über die Zeiten beschwert und wie unfassbar schwer alles ist. Vielleicht stimmt das, aber es verkommt, ganz neutral gesprochen, langsam zu einem Allgemeinplatz [↩]
- Eine Ausnahme wäre nur dann, wenn etwa der Vorwurf eines Genozids der Netanjahu-Regierung oder die indirekte Beteiligung Deutschlands durch Waffenlieferung eine völkerrechtlich attestierte, nachweisliche Lüge wären. Aber danach sieht es vorsichtig gesagt schlichtweg nicht aus. Gleichwohl sollte man auch immer israelischen Menschen, selbst dann, wenn sie die Netanjahu-Regierung unterstützen, zugestehen, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Zumindest solange der Konflikt eben noch Gegenstand völkerrechtlicher Auseinandersetzung mit offenem Ausgang ist. [↩]
- Auch zu Hoch-Zeiten des Kalten Krieges wurden ja auf der Berlinale Filme aus der Sowjetunion oder anderen Ländern des Ostblocks gezeigt und ausgezeichnet, obwohl diese auch immer mit Ideologemen des Systemgegners durchzogen gewesen sind. [↩]
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