
Zurückblickende Abgründe.
Originaltitel: In die Sonne schauen
Alternativtitel: Sound Of Falling
Produktionsland: Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2025
Regie: Mascha Schilinski
Drehbuch: Mascha Schilinski, Louise Peter
Produktion: Lucas Schmitt, Maren Schmitt
Kamera: Fabian Gamper
Montage: Evelyn Rack, Billie Mind
Darsteller: Luise Heyer, Lena Urzendowsky, Claudia Geisler-Bading, Lea Drinda, Hanna HecktLaeni Geiseler, Florian Geißelmann, Andreas Anke, Susanne Wuest, Gode Benedix, Bärbel Schwarz, Lucas Prisor, Konstantin Lindhorst, Luzia Oppermann, Martin Rother
Laufzeit: 148 Minuten
Auf einem abgelegenen Vierseithof in der Altmark verschränken sich vier Mädchen- und Frauenleben aus vier Epochen zu einem einzigen Erinnerungsraum. Um 1910 wächst Alma zwischen Aberglauben, Krankheit und einem verstörenden Familienfoto auf und ahnt, dass der Hof mehr verschweigt, als er zeigt. In den 1940ern entwickelt Erika, während die Männer im Krieg sind und die Russen näherrücken, eine erotisch aufgeladene Fixierung auf ihren kriegsversehrten Onkel. In den 1980ern schwankt Angelika zwischen dumpfer Enge, sexuellen Übergriffen in der Familie und einem trotzigen Lebenshunger, der immer wieder in Todesnähe kippt. In der Gegenwart zieht Nelly mit ihrer Familie auf den Hof und wird von Bildern heimgesucht, die nicht ihre eigenen sein können — der Film erzählt das nicht chronologisch, sondern als Echo: gespiegelte Gesten, wiederkehrende Motive, ein Trauma, das sich über Generationen durch die Wände fortschreibt.
Replik:
Eigentlich ist der englische Titel „Sound Of Falling“, der Original- und Arbeitstitel, erst nachträglich wurde der deutsche Titel „In die Sonne schauen“ für Mascha Schilinkis Film gefunden. Kurios, denn der deutsche Titel ist in meinen Augen besser, so viel besser passender, ja, so als wäre das Drehbuch um diese Metapher herum entwickelt worden und nicht um das Fallen, das in dem Film nur ein Motiv unter vielen ist, und auch nicht um das Hören, das in dem Film nur ein Sinn unter vielen ist.

Pansensorik und Poesie
Klar, das Schauen ist auch nur ein Sinn unter vielen, aber er ist der filmischste und in Mascha Schilinskis Film auch motivisch deutlich zentral. Es geht um das Anschauen bzw. Angeschautwerden, die Schönheit des Schauens, aber auch um die atemberaubende Gefahr, die darin liegt. Wie ein (zu langer) Blick in die Sonne sind die Eindrücke in diesem Film auch immerzu beides, in einer Zwiespältigkeit aus warmen Begehren und gewaltigem Versehren. Es geht hier viel um kindliche Neugierde gegenüber sich selbst und verschlossenen Türen und um Lust, die dort erst entsteht, wo sich das eigene Begehren am Tabu reibt. Überhaupt heißt Erwachsenwerden hier eine Welt zu erkunden, die einen anschweigt und doch verräterische Komplizin in demselben Spiel zu sein scheint. Es ist der große Verdienst dieses Films, dass er seine zahlreichen Motive nicht zur bloßen Untermalung einer Geschichte herbemüht, sondern mit und durch die Motive erzählt, sie variiert und in mehrdeutige Reimstaffetten anlegt.
Im Wasser ertränken sich Frauen, im Wasser machen manche „rüber“ in den freien Westen, wieder andere schwimmen nur darin – spielen aber das Ertrinken als Mädchenstreich, probieren dabei in gewisser Weise ein bisschen vom Tod. Einmal giert ein Mädchen nach der Aufmerksamkeit ihrer Mutter, in dem es sich ins Wasser rollen lässt, in einer anderen Stelle will ein anderes Mädchen von ihren Schwestern auf einem Baum gefunden werden, ist womöglich schon tot, schon ein Geist? Es sind unscharfe Konstellationen, Analogien und Wiedereintritte von Elementen in anderer Form, aus anderer Perspektive, als Gedankenspiel, Ironie oder Zitat, die der erzählerischen Komposition eine einzigartige dichterische Qualität verleihen. Und auch wenn — nach Tarkowski, den man hier ausnahmsweise wirklich als Referenz heranziehen darf — nicht nur geschaut , sondern wirklich gesehen wird, ist der optische nur ein sensorischer Reiz unter vielen. Auch wenn das Schauen zentral ist, bleibt Schilinskis Film eine Art Pansensorium, der die Sinne, die er als audiovisuelles Medium nicht erreichen kann, doch poetisch umspielt. Viele Hände werden gehalten, Lieblingsgerüche gekürt, Steuerungsfunktionen von Körperteilen in Frage gestellt und Eisgeschmäcker geneidet. Große Fragen der Existenz werden aus einer Poesie kindlicher Unbedarftheit heraus geäußert. Eine Poesie, die immer beides ist: spielerisch-albern und von existenzieller Traurigkeit. Wie der Wunsch, dem eigenen Herz das Weiterschlagen zu verbieten.

Gespenster und Erfahrungsräume
Schauen – das wissen wir – ist immer auch politisch und der Blick ein zentraler Fixpunkt feministischer Kritik. Schilinski stellt bewusst weibliche Erfahrung in den Mittelpunkt und ist doch weit entfernt, eine banale Kritik des male gaze oder dessen schon häufig vorgenommene Umkehrung zu sein. In so gut wie jeder (womöglich sogar in jeder) Einstellung wird geschaut. Eine Figur wird angesehen oder sieht an. Und manchmal ist es die Kamera selbst, die schaut. Ist das nicht tautologisch? Schaut die Kamera nicht immer auch selbst? Ja, aber in Schilinskis Film muss dann doch eine Unterscheidung vorgenommen werden in solche Bildtypen, die ein Verhältnis zweier Figuren darstellen, in denen geschaut wird, meistens eher statisch und konventionell. Und dann wiederum Bilder die voyeuristisch, hypersubjektiv (damit meistens POVs) sind. Und dann sogar solche, die außerweltlich, gespenstisch sind (meistens durch Kamerafahrten oder schwebende Bilder), auf die die Figuren eigentlich reagieren müssten, dies aber nicht tun. Nicht selten wurde „In die Sonne schauen“ auch als einen solchen Geisterfilm beschworen. Aber der Spuk, der in gewisser Weise durch die Holzdielen des brandenburger Bauernanwesen zu spüren ist, speist sich aus dem Leid verschiedener Frauen. Nicht wenige von ihnen werden sich suizidieren, andere werden nie wieder über einen Witz und nur noch über das Tragische lachen, in gewisser Weise verflucht sein.

Der deutsche Film und die Gefahr als Utopie
Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, hatten mich seine Szenen so erschlagen, dass mein Gedächtnis teilweise Blackouts erlitten hat, ich nicht mehr sagen konnte, was überhaupt passiert war, während andere RezensentInnen im Gegenteil von Bildern sprachen, die sie nicht vergessen können. Natürlich stimmt beides, für Eindrücke, die im wahrsten Sinne traumatisieren, die einem die Anteilnahme am transgenerationellen Trauma, von dem der Film sozialhistorisch und universell gleichermaßen handelt, förmlich aufzwingen. Trotzdem bewahrt Schilinskis Film auch beim zweiten, analytischeren Schauen seine schonungslose Verstörungskraft bei, da er sich eben keiner manipulativen Affekt- oder didaktischen Erklärdramaturgie bedient, sondern seine Bilder in einen poetischen Assoziationsreigen stellt. Statt aktivistisch nur zu behaupten, dass Blicke Körper und Lebensrealitäten verändern, vollzieht „In die Sonne schauen“ dies ganz wesentlich als Erfahrungsraum. Das Trauma nimmt hier alle möglichen Aggregatzustände an, zwischen präzisen sozialhistorischen Beobachtungen, sensualen Evokationen und einer mitunter auch transzendentalen (oder eben: gespenstischen) Weltkohäsion, bleibt das Trauma letztlich irreduzibel. Dazu muss der Film Abgründe herstellen, die dann — frei nach Nietzsche — unseren Blick erwidern können.
Eine Schauspielerin im Q&A sagte einen wahnsinnig klugen Satz; dass sie nämlich das Drehbuch gelesen hatte und darin etwas Gefährliches steckte, das sie anziehend fand. Sie mochte das Buch, weil es gefährlich war. Welche Filme, zumal deutsche, sind das heutzutage noch, gefährlich? Gefahr schließt ein, dass ein Film eine Macht über mich hat, etwas mit mir anstellt, mich verändert oder aber: aus mir hervorholt, das schon immer in mir, aber bislang unbekannt war. Man muss diesen Film nicht sehen, aber wer das tut, sollte sich gewahr sein, dass Gefährlichkeit auch etwas Produktives, vielleicht Therapeutisches, Kathartisches, jedenfalls Kraftvolles für sich hat. Von einem Film verstört, traumatisiert, von ihm versehrt, verletzt und angeblickt zu werden. Kann ich meinen Augen verbieten, in die Sonne zu schauen?
Jetzt. Jetzt. Jetzt. Jetzt.
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