Madre (quickshot)



Erzählerische Kühnheit und Wahnsinn.

Originaltitel: Madre
Alternativtitel: Mother
Produktionsland: Spanien, Frankreich
Veröffentlichungsjahr: 2019
Regie: Rodrigo Sorogoyen
Drehbuch: Rodrigo Sorogoyen, Isabel Peña
Bildgestaltung: Àlejandro de Pablo
Produktion: Ibon Cormenzana, Jérôme Vidal
Montage: Alberto del Campo
Darsteller: Marta Nieto, Jules Porier, Àlex Brendemühl, Anne Consigny, Frédéric Pierrot, Raúl Prieto, Guillaume Arnault, Blanca Apilánez,
Laufzeit: 129 Minuten

Elena lebt in dem kleinen französischen Küstendorf Vieux-Boucau-les-Bains. Zehn Jahre sind vergangen, seit ihr sechsjähriger Sohn Iván verschwunden ist. Sie hatte zuletzt mit ihm gesprochen, als sie noch in Madrid lebte, und er sie von seinem Handy aus dem Campingurlaub mit seinem Vater irgendwo an der Küste Südwestfrankreichs anrief. Der Junge erzählte ihr, er sei allein am Strand und habe Angst, da sein Vater kurz weggegangen sei, um ein paar Spielsachen aus dem Wohnmobil zu holen. Heute leitet Elena ein Café am Strand von Vieux-Boucau-les-Bains, wo der kleine Iván damals verschwand. Sie ist nur ein Schatten ihrer selbst und geht täglich am Strand spazieren. Eines Tages sieht sie dort einen jungen Mann, der sie stark an ihren verschwundenen Sohn erinnert und in dem Alter ist, in dem sich Iván heute befinden würde. Der 16-jährige Pariser macht mit seiner Familie Urlaub im Resort des Küstendorfs. Sie folgt ihm nach Hause und beobachtet ihn beim gemeinsamen Essen mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern. Als Jean, so sein Name, später in ihrem Café auftaucht, kommt es anfänglich zu einem Missverständnis. Er ist von dem Gedanken fasziniert, diese attraktive, deutlich ältere Frau als er, könnte an ihm interessiert sein, denn er bemerkte, dass Elena ihn verfolgt hat. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ganz besondere Freundschaft, die nicht nur von Jeans Eltern, sondern auch den Einwohnern Vieux-Boucau-les-Bains kritisch beäugt wird
Quelle: de.wikipedia.org

Replik:

Obwohl Rodrigo Sorogoyen noch mit keinem einzigen Film im Wettbewerb eines A-Film-Festivals vertreten war, beeindruckt seine bisherige Vita jetzt schon mit u.A. einer Oscar-Nominierung („Madre“, Kurzfilm) und einer Nominierung für den europäischen Filmpreis („The Realm“). Gibt es aber so etwas eine Handschrift Sorogoyens? Aktuell scheinen zwei Sorogoyens neben einander zu existieren: Einmal der vielversprechende Handwerker von Polit/Polizei-Thrillern wie „May God Save Us“, „The Realm“ oder auch der Serie „Riot Police“ und dann ist da auch der Rodrigo Sorogoyen, der uns mit „Stockholm“ einen der verrücktesten Debüt-Filme der letzten Jahrzehnte geschenkt hat. Dieser Film war auch so etwas wie ein Thriller, jedoch ein Thriller der Zwischenmenschlichkeit. „Madre“, der das Sequel zu einem eigenen Kurzfilm mit gleichem Titel darstellt, ist in meinen Augen sowas wie Sorogoyens Wieder-Anknüpfen an „Stockholm“, was mich persönlich sehr hoffnungsvoll stimmt. Einen Thriller der Zwischenmenschlichkeiten, so könnte man „Madre“, dieses merkwürdige Biest von Film, nämlich auch nennen. Und einen Film, der im positivsten Sinne wahnsinnig ist.

Ein gleichnamiger Kurzfilm als Ursprung

„Madre“ ist eine sehr lose Fortsetzung des gleichnamigen Kurzfilms von 2017, der in einer einzigen weitwinkligen Plansequenz gedreht, von einer Mutter erzählt, die am Telefon tatenlos zuhören muss, wie ihr kleiner Junge an einem Strand im französischen Baskenland Opfer eines Triebtäters wird. Dieser Kurzfilm ist gleichzeitig auch die erste Szene des Spielfilms, dann unternimmt Sorogoyen aber einen zehnjährigen (!) Zeitsprung und erzählt davon, dass besagte Mutter Elena mittlerweile im französischen Baskenland lebt, dort in einer Bar arbeitet, bekannt ist als eine ein bisschen verrrückte Spanierin, die ihr Kind verloren hat und immer noch auf der Suche nach ihm ist. Man könnte nun so etwas erwarten wie eine Kriminalgeschichte, vielleicht auch eine Rachegeschichte, aber weder der verlorengegangene Sohn Iván, noch dessen Entführer tauchen in dem Film wieder auf. Stattdessen verfolgt Elena einen Pariser Jungen, namens Jean, der etwa im selben Alter ist, wie es Iván jetzt wäre (Jean und Iván sind zudem beides Varianten desselben Namens: Johannes). Die Erwartung, Jean könnte ihr verloren gegangener Sohn Iván sein enttäuscht sich schnell, denn der Franzose ist ein selbstbewusster junger Mann, der das Interesse der 40-jährigen Spanierin als sexuelle Avance versteht und sehr gerne darauf eingeht. Es entsteht eine sehr schwer fassbare Liaison, die sich irgendwie immer dann zu verfestigen scheint, wenn klar ist, dass es eigentlich nicht so weitergehen kann. Die Unklarheit, inwiedern Jean hier wirklich erotisches Bezugsobjekt oder nur „Ersatz-Sohn“ ist, bleibt ein Dauerzustand. Das Lavieren, das scheinbar nicht wirklich Zielführende dieser Zweisamkeit, aber auch Elenas psychische Labilität, die Missgunst von Jeans Eltern und Elenas Boyfriend, das alles erzeugt eine seltsame Stimmung, in der permanent etwas ausbrechen könnte — aber was? Gerade im Zusammenhang mit großen Ellipsen, die noch Stückwerk einer älteren Fassung zu sein scheinen,1 tun dem Film nicht immer gut. Es ist aber ein Zusammenspiel aus Sorogoyens Schauspielführung und der beeindruckenden Performance von Marta Nieto, die den schwierigen, manchmal wenig nachvollziehbaren dramatischen Setzungen doch noch zu ungeahnter Glaubwürdigkeit verhelfen. Sodass „Madre“ eine ähnlich frappierende Wirkung der stetigen Alarmbereitschaft hat wie Sorogoyens Debüt „Stockholm“.

Wahnsinniges Filmemachen

„Madre“ ist also wirklich im wahrsten Sinne wahnsinniges Filmemachen. Und dafür kann man dankbar sein. Im kompromissbehafteten, förderungskonsensualen Programmfilmgedöns sticht ein solches garstiges, eigensinniges Stück hervor, ob positiv oder negativ. Man spürt in „Madre“ eine Lust am Tabubruch und an der inszenatorischen Herausforderung. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieser Film in Frankreich angesiedelt ist, denn in dieser diebisch-freudigen Haltung, zwei Menschen so (proto)-sexuell aufeinander prallen lassen zu wollen, die nach sozialen Konventionen nicht für eine Liaison bestimmt sind, sich an deren Synergien zu erfreuen, ohne kritische Fragen nach Missbräuchlichkeit dabei auszuklammern, erinnert mich an französisches Kino der 60er, 70er, 80er Jahre, insbesondere Maurice Pialat. Ich glaube, das ist kein hermetischer Film, das will er auch nicht sein. Genauso wenig hermetisch kann und sollte also eine Replik zu dem Film sein. Deswegen als ein hingerotzter Appendix noch diese Bemerkung: Inmitten des Films, irgendwo, genau genommen war es die Szene, in der Elena noch mit auf eine Afterparty fahren soll, die notgeilen Freunde von Jean sie mit dem Auto fahren, sie lüstern mit der Handykamera filmen, sich ihr gegenüber respektlos verhalten, ihr unterschwellig zu verstehen geben, dass sie für sie eine „verrückte Alte“ ist, und Elena auf einmal panisch wird und die Jungs hysterisch dazu auffordert, sie rauszulassen, irgendwo, so ziemlich an diesem Punkt habe ich, gespürt zu verstehen, was es bedeutet, von der Gesellschaft als wahnsinnig angesehen zu werden. Und das ist eine Leistung des Films, die dort irgendwo in all diesem Chaos, in dieser erzählerischen Kühnheit, eben in diesem Wahnsinn liegt. Wahnsinn. Danke dafür.

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  1. die Perspektive Jeans sollte ursprünglich gleichartig auserzählt sein, letztlich ist der Film aber vollkommen aus Elenas Perspektive erzählt; zudem gibt es immer noch Bezüge auf den Kurzfilm []

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