
Lektionen in Humanismus.
Originaltitel: Soudain
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Japan, Belgien
Veröffentlichungsjahr: 2026
Regie: Ryusuke Hamaguchi
Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi, Léa Le Dimna
Produktion: Renan Artukmaç, Bettina Brokemper, Charlotte Dauphin, Julien Deris, David Gauquié, Charles-Henri de La Rochefoucauld, Hiroko Matsuda, Jean-Luc Ormières, Kôsuke Oshida, Joseph Rouschop, Yûji Sadai
Kamera: Alan Guichaoua
Montage: Azusa Yamazaki
Darsteller: Virginie Efira, Tao Okamoto, Kyōzō Nagatsuka, Kodai Kurosaki, Jean-Charles Clichet, Marie Bunel, Romain Cottard, Marie Denarnaud
Laufzeit: 197 Minuten
Marie-Lou leitet ein Altenheim in einem Pariser Vorort. Trotz Widerständen versucht sie, eine dem Menschen zugewandte Pflegemethode einzuführen. Eines Tages macht sie die Bekanntschaft mit Mari, einer an Krebs erkrankten japanischen Regisseurin. Dies verändert Marie-Lous Leben grundlegend. Eine gemeinsame Mission und die Liebe zur Sprache der jeweils anderen lassen zwischen den beiden Frauen eine tiefe Verbundenheit entstehen. Diese Verbindung wird nicht nur Marie-Lous und Maris eigene Weltsicht, sondern auch das Altenheim nachhaltig prägen. (Quelle: Wikipedia)
Replik:
Marie-Lou erprobt in dem Pflegeheim, dessen Leiterin sie ist, ein neues Prinzip der sogenannten „Humanitude“, bei dem steht der Respekt vor den Patienten im Vordergrund, sie sollen nicht wie Objekte abgehandelt, sondern wie Menschen behandelt werden, egal, ob sie sich (z.B. mangels kognitiver Fähigkeiten) noch darüber beschweren können oder nicht. Mit diesem unbedingten Glauben an das Gute im Menschen stößt Marie-Lou schnell auf Widerstände, viele Pflegerinnen kündigen, weil der Arbeitsaufwand zu groß wird und sich der Mehraufwand (Marie-Lous Kampf dafür zum Trotz) auch nicht wirklich auf dem Lohnzettel bemerkbar macht. Dann trifft Marie-Lou auf die japanische Theaterregisseurin Mari, die früher Philosophie auf der Sorbonne gesprochen hat. Zufällig spricht auch Marie-Lou fließend Japanisch, weil sie in Japan studiert hat. Liebe/Freundschaft auf den ersten Blick könnte man das nennen. Oder einen sehr unglaubwürdigen Zufall. Aber freilich sind die Figuren wohl auch nicht zufällig annähernd gleichnamig; ist „All Of A Sudden“ am Ende eigentlich nur ein einziges philosophisches Selbstgespräch, ein Bewusstseinsstrom? Das löst sich nie ganz auf.

Pansensorik und Poesie
All Of A Sudden“ im Wettbewerb von Cannes zu sehen, ist freilich nicht nur aufgrund seiner Länge von über drei Stunden ein kleines Wunder, sondern auch in seinem ganzen Gestaltungscharakter. Dass sich Hamaguchi in einer Traditionslinie mit Hong Sang-Soo versteht, ist kein Geheimnis und an manchen Kamera-Einstellungen (z.B. dem Warten der Hauptfigur bei einer Zigarette vor dem Theaterhaus auf die japanische Regisseurin, die dann einige Zeit später nachfolgt) ist das seinem Film förmlich abzusehen. „All Of A Sudden“ ist gar nicht so sehr slow cinema, eher detailed cinema, es nimmt Momente, die in anderen Filmen Szenen, vielleicht sogar nur Shots wären in mehrminütigen Sequenzen auseinander. Spaziergänge werden echte Spaziergänge, Theaterstücke scheinen fast in Echtzeit inmitten der Filmhandlung aufgeführt und intervenieren auch mit einem entsprechend gerichteten Blick auf die Bühne als gleichberechtigte Sehmodi in die Diegese. Dabei ist alles erstaunlich hoch aufgelöst und minutiös inszeniert. Der Höhepunkt in diesem speziellen Erzählen ist sicherlich eine umfangreiche Erklärung kapitalismuskritischer Theorie, die die japanische Regisseurin Mari in einem Teamraum des Pflegeheims von Marie-Lou skizziert und die sich sodann als Unterbau dessen ablesen lässt, was der Film in seiner Folge dann unternimmt.
Wir sind hier erst ca. bei der Hälfte des Films und er wird uns noch an einen japanischen Berghang führen und den Versuch einer kleinen Revolution im Pflegeheim erproben. Was man aus diesem Film allerdings wirklich mitnehmen kann, bleibt doch fraglich. Diese „Lektionen in Humanismus“ bewegen sich nämlich immer auch am Rande eines schrillen, esoterischen Kitsches, der mindestens genau so viel gesellschaftliche Realität aus dem Blick nimmt, wie er sie anderswo überdetailliert beleuchtet haben mag. Auch die ganz großen schauspielerischen Leistungen habe ich bei Virginie Efira und Tao Okamoto nicht gesehen. Ihre Annäherung blieb weitestgehend ohne Wirkung auf mich. Wohl auch deswegen, weil „All Of A Sudden“ sein Detailreichtum und seine Mitteilungsfreude nicht so sehr für materiellen Realismus einsetzt, sondern für eine Erzählform, die letztlich stilisiert und schrill daherkommt; ein bisschen so wie Hong Sang-Soo plus LSD-Microdosing.



