Boyhood

Ein bisschen uninteressanter als das eigene Leben — immerhin.

Originaltitel: Boyhood
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 2014
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater
Produktion: Sandra Adair, Richard Linklater, Vincent Palmo Jr., Cathleen Sutherland, Anne Walker-McBay
Kamera: Lee Daniel, Shane F. Kelly
Montage: Sandra Adair
Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater, Tamara Jolaine, Nick Krause, Jordan Howard, Evie Thompson, Sam Dillon, Marco Perella, Brad Hawkins
Altersfreigabe: FSK 6
Laufzeit: 163 Minuten

Mason (Ellar Coltrane) ist ein ganz normaler Junge, der nach der Scheidung seiner Eltern die Schule überstehen muss. Seine Mutter (Patricia Arquette) hat zwar immer wieder Pech mit ihren Partnern, aber findet eine berufliche Erfüllung, als sie beginnt, am College Psychologie zu unterrichten. Sein Vater (Ethan Hawke) ist ein Taugenichts, der immer wieder versucht auf die Beine zu kommen, nur um im nächsten Moment die alten Fehler zu wiederholen. Doch mit der Zeit findet auch er halt in einer neuen Familie und beginnt als Versicherungsmakler Verantwortung für sich seine Lieben zu übernehmen. In all diesem Chaos versucht Mason eine normale Kindheit zu erleben: Er muss Freunde finden trotz häufiger Umzüge, die enge Beziehung zu seinem Vater immer wieder neu erkämpfen, die erste Liebe genießen, die erste Trennung verkraften. Aus all diesen Ereignissen formt sich ein erwachsener Charakter, der bereit ist, im Leben seinen eigenen Weg zu gehen.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Die Idee ist an sich sicherlich nicht neu und jeder, der davon träumt, Filme zu machen hat sie wohl schon mindestens einmal gehabt: Einen Film über eine so lange Produktionszeit zu verwirklichen, dass die Zeitsprünge innerhalb der Geschichte echte sind, die Schauspieler wirklich altern und man nicht auf faule Tricks wie die Maske oder mehrere Schauspieler für eine Rolle zurückgreifen muss. Aber wer hat für so ein Projekt dann am Ende die Eier? Wer sonst außer Richard Linklater. Der Mann, der uns mit der Before-Trilogie schon eines der spannendsten Langprojekte der Filmgeschichte schenkte. „Boyhood“ ist ein Film geworden, dem sich keiner entsagen kann, weil er Identifikationsfläche für jedermann bietet und diese recht unaufgeregt feilbietet.

Ein erjoggter Film

Der größte Verdienst von „Boyhood“ ist sicherlich, dass er bei einer Spiellänge von knapp 3 Stunden nicht langatmig wird. Man kann nie genug Verehrung für den schwierigen Drahtseilakt aufbringen, der Linklater hier glückt: Drehmaterial aus zwölf Jahren zu einem Film zu formen und dabei sehr häufige Zeitsprünge so erzählrhythmisch abzustimmen, dass „Boyhood“ weder langweilt noch irritiert. Dabei dürfte der Dreh deutlich weniger anspruchsvoll gewesen sein. „Boyhood“ ist ein immer-mal-nebenbei-Film. In regelmäßigen Abständen traf sich Linklater mit seinen Schauspielern und drehte Szenen, die größenteils alltäglich und simpel sind, wahrscheinlich hauptsächlich sogar improvisiert gewesen sein dürften. Man kommt schließlich nicht nur mit Wochen intensivsten Kraftraumtraining zum Ziel, sondern auch mit dem täglichen Jogging. Oder so ähnlich.

Fluch und Segen von Banalität

„Boyhood“ ist ein Projekt wie man es sich auch bei Terrence Malick vorstellen könnte, nur wäre das ein anderer Film geworden. Linklaters Film ist eben nicht vollgestopft mit Lebensweisheiten und nicht umrandet von einem lyrischen Framework. Linklater gibt hier sich selbst (so offensichtlich autobiografisch ist der Film dann doch), aber auch dem Schauspieler Ellar Coltrane eine Chance einen Einblick in die Persönlichkeit zu werfen. Zumindest wäre dafür die filmische Vorarbeit getan, was letztlich daraus gemacht wird, ist streitbar.

Mason ist beileibe nicht die interessanteste oder detailliert ausgearbeiteste Figur der Filmgeschichte. Nicht im Geringsten. Eigentlich ist sein Leben trotz der vielen Stiefväter, die er gehabt hat, sogar reichlich banal. Das hat den Vorteil, dass wirklich jeder Zuschauer sich in dieser Figur (oder einer anderen) irgendwie wiederfindet, aber auch den Nachteil, dass die ganz großen Momente des Lebens ausbleiben. Jeder, der sein Leben verfilmen möchte, kriegt eine interessantere Geschichte zusammen als sie „Boyhood“ erzählt.

Ein Lebenszyklus

Letztendlich dreht sich „Boyhood“ im Kreis — und zwar mit Absicht. Die ewige Geschichte vom Kreislauf des Lebens wird erzählt, vom Erwachsenwerden und dem Schlüpfen in die Rolle der Elterngeneration. Gleichzeitig wird auch eben diese sehr detailliert auserzählt, sodass „Boyhood“ im Grunde kein Coming-of-Age-, sondern ein Familiendrama ist. Es fehlen in „Boyhood“ definitiv die großen Momente (jedes Leben ist mehr Film als dieser Film), aber von den kleinen Momenten hat „Boyhood“ genug, sodass man sich an sein eigenes Leben zurückerinnert fühlt. Und das ist eine doch auch sehr positive filmische Erfahrung.

79%

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