
Werbung für das Bilderkonvolut.
Originaltitel: DAU
Produktionsland: Deutschland, Frankreich, Schweden
Veröffentlichungsjahr: 2026
Regie: Ilya Khrzhanovsky
Drehbuch: Wladimir Sorokin, Susanna Marian, Ilja Permjakow
Produktion: Philippe Bober, Leonid Lebedew
Kamera: Jürgen Jürges, Manuel Alberto Claro, Lol Crawley
Montage: Ilja Permjakow, Rob Myers
Darsteller: Teodor Currentzis, Radmyla Schtschoholewa, Anatoli Wassiljew, Wladimir Aschippo, Dmitri Tschernjakow, Dmitri Tscheglakow, Demian Kudrjawzew, Maria Nafpliotou, Jekaterina Andrejewa, Wiktorija Skyzka, Konstantin Leschan, Jekaterina Patschkowskaja, Alexei Blinow, Alexei Trifonow, Pēteris Ķimelis
Laufzeit: 195 Minuten
Mit seinem Riesenprojekt DAU versucht Ilya Khrzhanovsky nicht mehr und nicht weniger, als die Sowjetunion wieder auferstehen zu lassen – um sie besser zu verstehen. Bis in das Jahr 2008 und bis zu legendären und auch umstrittenen Dreharbeiten auf einem Set in Kharkov (Ukraine) reicht das Material zurück, das er nun mit neueren Aufnahmen zu einem Grundpfeiler des DAU-Universums geformt hat: DAU (der Film) erzählt von dem Physiker Lew Landau, der nach 1928 den Geheimnissen des Universums auf der Spur ist, während die Partei von ihm eine Atombombe fordert. Ein verwegener, experimenteller Geschichtsfilm mit Dirigentenstar Teodor Currentzis in der Hauptrolle. (Bert Rebhandl, Viennale.at)
Replik:
Wer einen DAU-Film bewertet, bewertet zu gewissen Teilen das Gesamtprojekt „DAU“ mit, dabei haben die wenigsten RezensentInnen wohl das bisher wohl als Kernstück des Projekts anzusehendes 6-Stunden-Werk „DAU. Degeneration“ gesehen, was dem Umstand geschuldet ist, dass die Uraufführung auf der Berlinale unmittelbar die Pandemie, dann der Ukraine-Krieg folgte und das Mammutwerk zudem ganz nebenbei immer schon aus seiner Zeit progressiver Sensibilitäts- und Moraldiskurse gefallen war. „DAU“, der jetzt also verwirrender Weise den Titel des Gesamtprojekts als 195-minütiger Einzelfilm trägt, wählt dabei im Gegensatz zu den früheren Veröffentlichungen (es hat neben „Degeneration“ auch noch „Natasha“, sowie einige online verfügbar gemachte Einzelstücke gegeben) tatsächlich die Perspektive des griechisch-stämmigen Wissenschaftlers, der das Forschungsinstitut leitet, welches in den anderen Teilen auf die eine oder andere Weise umkreist wurde. Logischerweise liegt hier der Vergleich zu Christopher Nolans „Oppenheimer“ nahe, da sich „DAU“ mit dem (sowjetischen) Griff nach der Atombombe befasst, ebenfalls aus der Sicht eines berühmten Physikers und Genies seiner Zeit. So viel zum Kontext des Gesamtwerks, mal wieder, das bei der Beschreibung der Filme immer sehr viel Raum einnimmt, auch weil er moralisch vielfältig problematisiert werden kann, aber das soll uns hier einmal nicht interessieren (siehe dazu: meine Kritik zu „DAU. Degeneration„)

Pansensorik und Poesie
„DAU“ zeigt hier in gewisser Weise unfreiwillig, wie die Auswahl narrativer Segmente aus demselben Materialraum, wie es ein Meisterwerk wie „DAU. Degeneration“ auch schon getan hat, einen viel schlechteren Film ergeben kann. In „Degeneration“ wohnen wir der Geschichte des Instituts bei und beobachten, wie sich langsam der stalinistische Geist in diesem Institut, also dieser Miniatatur-UDSSR, ausbreitet und gegen Ende offen faschistoid mit völkischem Rassismus und sozial-darwinistischer Machtpolitik alliiert. „DAU“ will das auch irgendwie erzählen und gleichermaßen Biografie des Wissenschaftlers sein. Häufig donnert der Film dabei laut auf einer eigentlich recht konventionellen, wenn nicht gar klischeehaften Flashback-Trommel herum, die hin und wieder dann sogar eigentlich nur dazu da ist, um ein bisschen „Werbung“ für das gesamte Bilderkonvolut des DAU-Universums zu machen. Bilder von Gewalt und Exzess werden dem Publikum entgegen geschleudert, ohne diese dramatisch einzugrenzen. „DAU“ ist hier nach einer Logik sortiert, sein Attraktionsreichtum zu bündeln, die manchmal näher am Trailer als am Spielfilm agiert. Natürlich sind das immer mal wieder unvergessliche Bilder, die einen poetischen Eigenwert generieren: ein riesiges Sowjet-Flugzeug, von dem man sich als Laie fragt, ob das wirklich existiert hat (und warum). Berghänge an einem Sowjetdenkmal, in dem Menschen einer (gewollten?) optischen Täuschung nach, wie unmenschliche Gestalten emporwandern. Brennende Hochhäuser. Dialoge auf Drahtseilen. Unmengen an Kohlköpfen. NUR: Man würde diesem Attraktionswert und seiner poetischen Kraft gerne etwas länger zusehen, man würde gerne mehr dramatische Ordnung haben, die diese Bilder motivisch umrahmt und damit aufwertet. Stattdessen hetzt der Film durch seine Unordnung und hat mit seiner Überforderung wenig strategische Rafinesse.
Gerade die zweite Hälfte von „DAU“ macht aus der Psychologie des Wissenschaftlers zudem eine Geschichte des sexistischen Narzissmus. Wir sehen hier womöglich die Privatdekadenz eines Mannes, der tief in sich spürt, dass es mit dieser Welt sehr bald zugrunde gehen könnte, da er aktiv daran mitarbeitet (und mit der Welt ist durchaus der gesamte Erdball gemeint). Der Film umkreist diese eigentlich hochinteressante Prämisse allerdings nur in Eifersüchteleien mit seiner Frau Nora gegenüber diversen Gespielinnen und Geliebten. Das ist zwar insofern erfrischend uneitel, dass es in „DAU“ keine Heiligen und Helden gibt, schon gar nicht eben die eigene Hauptfigur, erzählerisch bleibt das aber letztlich repetitiv und eintönig. Das dramatische In-die-Tiefe-Gehen, was der Film wohl jederzeit schlichtweg durch die Auswahl anderer, längerer Szenen des eigenen Bildmaterials und Weglassung von anderem, nur notwendigerweise nur angeschnittenen Materials hätte erreichen können, fehlt hier aller beeindruckenden Gesamtleistung des Gesamtmonstrums „DAU“ zum Trotz, an zu vielen Institutsecken und -enden.



