Climax

Neonfarbene Litfaßsäulen.

Originaltitel: Climax
Alternativtitel: Psyché
Produktionsland: Frankreich
Veröffentlichungsjahr: 2018
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
Produktion: Edouard Weil
Kamera: Benoît Debie
Montage: Denis Bedlow, Gaspar Noé
Musik: Thomas Bangalter, Ambroise Thomas u.A.
Darsteller: Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub, Kiddy Smile, Claude Gajan Maull, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Thea Carla Schott, Sharleen Temple, Lea Vlamos u.A.
Altersfreigabe: FSK /
Laufzeit: 94 Minuten

Eine französische Streetdance-Gruppe mit Mitgliedern unterschiedlicher Hautfarbe sowie verschiedenen Geschlechts und sexueller Ausrichtung steht kurz vor dem Aufbruch zu einer Tournee durch die USA. Doch in der Turnhalle einer Schule, wo sie ihre Choreografien üben, muss das Ensemble zu seinem Schrecken feststellen, dass jemand offenbar ohne ihr Wissen LSD in ihre Getränke gemischt hat. Die Tänzer rund um Selva (Sofia Boutella) treten draufhin einen unfreiwilligen Trip in die Abgründe ihrer Existenz an, der die verstörten Teilnehmer in eine Hölle befördert, die aus einem Strudel von Tanz und Gewalt, Musik und Bewegung, Farbe und Spektakel, Leben und Tod besteht.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Neue Gaspar-Noé-Filme gehörten für mich bislang immer zu den heißest erwartesten Filmereignissen des Jahres. Das hat nicht nur damit zu tun, dass ich mit Noé gewissermaßen aufgewachsen bin — seine Filme haben mit ihrer mutprobenhaften Körperlichkeit definitiv eine große Anziehungskraft auf Jugendliche — nein, bis heute halte ich „Enter The Void“ und insbesondere „Irreversible“ für herausragende Leistungen in der gesamten Filmgeschichte. Noé sollte man gerade bei diesen beiden Filmen nicht auf seine Verkaufsargumente Gewalt, Sex, ultramobile-fluoreszierende Kamera, verspielte Credits usw. reduzieren. Diese ohne Frage ikonischen Stilmittel hatte Noé nämlich bislang immer in Timing und Proportion so eingesetzt, dass sie funktional einer großen poetischen bzw. intellektuellen Idee gefolgt sind. Viele haben im Provokateur Noé nie gesehen, dass er mit „Irreversibel“ das Rape-n-Revenge-Genre bzw. die Rechtfertigung von Selbstjustiz per se in der Luft zerfetzt hat oder dass „Enter The Void“ eine transzendentale Poetik über den Kreislauf des Lebens ausstrahlt, von dem ein „The Tree Of Life“ nur träumen kann. Gerade eben, weil sie in ihrer Form so derbe waren, fanden sie passende Ausdrücke jenseits des Gekanntem. „Climax“ hat diese erwachsene Anwendung des eigenen Repertoires nun völlig ad acta gelegt. Es ist die traurige Erkenntnis, wie man all diese Markenzeichen referenzieren und referenzieren kann und um sich selbst kreisen lassen kann. Das Horror-Techno-Musical „Climax“ ist eine einzige Leere, ein nichtssagendes und eitles Produkt.

Horror ohne Regeln

Eine bunt durchmischte Gruppe von überwiegend französischen Tänzern probt für ein Dance-Battle gegen eine amerikanische Delegation. Direkt nach der Probe wird aber erstmals mit Sangria und Technomusik gefeiert, was dann schnell eskaliert als man im Sangria eine undefinierte Menge LSD vermutet und in Panik gerät. Für „Climax“ hat Noé lediglich zwei Wochen Drehzeit und ein einziges Gebäude als Location gebraucht. Dementsprechend low budget ist sein Film, was jedoch durch die wieder einmal großartige Kamera von Benoît Debie und dem spektakulären Tanz seiner Dance-Crew recht gut kaschiert wird. Die ersten 30-40 Minuten schauen wir der Unzahl an Akteuren in Interviews und Dialogen mit einander auf dem Dancefloor zu, ohne sie wirklich gut kennenzulernen. Ihre Exposition besteht im Großen und Ganzen auf eine mal mehr mal weniger unterhaltsame Reduktion auf ihr Verhältnis zu Drogen und Sex. Am besten daran sind noch die verspielten Bezüge auf Frankreich, auch wenn die Thematisierung der Grande Nation bis zuletzt opak und als Allegorie auf eine hedonistische Gesellschaft unbefriedigend bleibt. Dann geht es auf einmal „los“ und „Climax“ eskaliert in eine relativ frei assoziierende filmische Dramaturgie, die mit seiner (behaupteten) Alptraumhaftigkeit sich am ehestens noch als Horrorfilm beschreiben ließe. Freilich ein Horrorfilm, der keiner klassischen Genre-Dramaturgie folgt, aber bis dahin hat Noé mit einer Großaufnahme auf ein VHS-Regal ohnehin auf seine schelmenhaft-direkte Weise unorthodoxen Horror-Beiträgen wie „Suspiria“ oder „Possession“ eine Reverenz erwiesen und sich selbst damit der Rechenschaft für Genre-Funktionsweisen eine Absage erteilt.

Haltungslosigkeit und Selbstbewerbung

Natürlich kann „Climax“ interessant sein, wenn man ihn als bedeutungslose Choreographie der Körper betrachtet und genießt. Dann kann man auch den plakativen Überguss von Sex, Gewalt und Drogenexzess damit verbinden und für sich produktiv machen. Als narrativer und/oder motivischer Film, wie seine früheren Meisterwerke, funktioniert „Climax“ allerdings nicht. Das hat auch damit zu tun, dass Noé inszenatorischen Realismus, mitsamt Figurenpsychologie genauso außen vorlässt wie auch nur den Hauch einer empathischen Haltung seines Ensembles gegenüber. Seinen Figuren ist Noé nicht einmal zynisch gegenüber, sie scheinen ihm einfach scheißegal zu sein. Mal lacht er über sie, dann lässt er einer schwangeren Frau von einer anderen Frau in den Bauch treten. Der nachfolgende Selbstmordversuch der Schwangeren wird dann wiederum auch direkt wieder fallengelassen. Die Kamera beobachtet ein Treiben der Körper, ohne dass sich dem irgendeine zufriedenstellende Logik beimessen ließe. Zwar immunisiert dieser sorglose Umgang mit seinen Figuren im Umkehrschluss auch gegenüber dem möglichen Vorwurf der Homophobie und rassistischen Ressentiments (ganz ernst gemeint können z.B. die stereotyp gezeichneten notgeilen Schwarzen nicht sein), aber der reine filmische Blick auf den Körper hat doch mit seiner unsparsamen, exploitativen Art und Weise auch etwas Unethisches an sich. Lehrreich brutal — in Manier einer körperlichen Lektion — war Gewalt in Noés Filmen bislang als ein nicht kommenzusehender Einbruch des Schicksals in das Leben nachvollziehbarer Figuren, die Noé nicht egal waren bzw. denen er sogar Teile einer autobiografischen Persönlichkeit und damit Anschluss für Sympathien verlieh. Wenn in „Climax“ das x-te Mal über sexualisierte Körper, Drogen und Gewalt drübergeschwebt wird, ist dort nicht mehr zu sehen als ein Haufen letztlich bedeutungsloser Litfaßsäulenfiguren, die die neonfarbenen Poster eines Gaspar-Noé-Films spazieren tragen. Man könnte fast meinen, „Climax“ sei von einem infantilen Gaspar-Noé-Nachahmer gedreht worden.

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