
Archäologisches Sehen.
Originaltitel: Das geträumte Abenteuer
Alternativtitel: The Dreamed Adventure
Produktionsland: Deutschland, Frankreich, Bulgarien, Österreich
Veröffentlichungsjahr: 2026
Regie: Valeska Grisebach
Drehbuch: Valeska Grisebach, Lisa Bierwirth
Produktion: Jonas Dornbach, Janine Jackowski, Maren Ade
Kamera: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Darsteller: Yana Radewa, Syuleyman Alilov Letifov, Stoycho Kostadinov, Nikolay Shekerdjiev, Denislava Yordanova, Tiana Georgieva
Laufzeit: 167 Minuten
Die Archäologin Veska arbeitet in der bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzregion. Sie trifft eines Tages Saïd wieder, der ihr bei den Ausgrabungen hilft. Veskas alter Bekannter hofft darauf, an der Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien ein gutes Geschäft mit Benzinschmuggel zu machen. Noch bevor der Deal beendet ist, verschwindet Saïd unter ungeklärten Umständen. Kurzentschlossen übernehmen Veska und ihre Freundinnen das zurückgelassene Benzin. Die Frauen durchkreuzen damit die Interessen konkurrierender Mafia-Paten. Veska selbst wird mit verdrängten Erinnerungen sowie ihrem eigenen Verlangen konfrontiert. (Quelle: Wikipedia)
Replik:
Man kann diesen Film, so scheint mir, auf zwei Weisen schauen. Einerseits mit der Erwartung eines dramaturgischen Steuerungsprinzips, womit ich nicht sagen will, der Film soll nach einer geschlossenen Dramaturgie über Plotpoints etc. arbeiten, Valeska Grisebachs Filme tun das nie und das gezielte An- und Unterlaufen von Genres ist etwas, das in ihren Filmen immer wieder stattfindet, nicht zuletzt ist ihr letzter und berühmtester Film sogar nach einem Genre benannt: „Western“. Trotzdem, meine ich, ist das insofern der weniger fruchtbare Zugang, den Film also mit der Erwartungshaltung erzählerischer Kohärenz und tonaler Kohäsion zu sehen. Der knapp dreistündige Film ist nicht nur sperrig, er verheddert sich mitunter förmlich. Etliche verschiedene Subplots laufen nur in sehr losen Fäden in der Hauptfigur Veska zusammen und diese Hauptfigur wirkt manchmal wie der etwas steife Rest Berliner Schule, an die Valeska Grisebachs Kino Teilweise Erbschaftsverhältnisse hat, inmitten der lebhaften bulgarischen Welt, die über fast dokumentarische (auch wenn in Echt mit streng fiktionalen Mitteln hergestellt) hergestellt wird. „Das geträumte Abenteuer“ entwickelt nie eine solche Sogwirkung wie Grisebachs bester Film „Western“ und das mag auch an einer gewissen Indisparatheit liegen, zwischen diesem Hyper-Realismus der Tankstellen und LKW-Ladeplätzen auf der einen Seite, und dem Anspruch, dann doch irgendwie eine Fantasie, eben ein „geträumtes“ Abenteuer zu sein. Dieser hybriden Erzählweise auch ein ästhetisches Prinzip kongenial entgegenzustellen, bietet der Film aus meiner Sicht nie ernsthaft und das kann man problematisch finden, weil man als Publikum mitunter dissoziiert, nicht gelenkt wird, durch ein wie auch immer geartetes Ordnungsprinzip.

Dann gibt es aber auch noch eine andere Weise den Film zu sehen. Nicht umsonst geht es im „Geträumten Abtenteuer“ um eine Ärchaölogin und in gewisser Weise ist der Film selbst auch eine Intervention in die soziohistorische Wirklichkeit Bulgariens. Vielleicht wäre es ratsam gewesen, die Hauptfigur Veska, noch offensiver als eine Städterin und Bildungsbürgerin anzulegen, als es hier der Fall ist, etwa, in dem man sie zu einer in West-Europa lebende Frau hätte machen können, denn natürlich ist Veska, nicht zuletzt aufgrund ihres Namens schon in einem starken Identifikationsverhältnis, nicht nur mit dem potenziellen Publikum, sondern noch mit der Regisseurin Grisebach selbst. Grisebach hat sich jahrelang mit dem Land Bulgarien auseinandergesetzt, in ihrem ersten Bulgarien-Film „Western“, hat sie bereits die EU als ein biopolitisches Projekt gedacht mit Zentren und Peripherien und die bulgarische Außengrenze als dessen äußersten Rand gedacht. Aber statt sich in ihrem nächsten Film mit einem anderen Thema auseinanderzusetzen, vertieft „Das geträumte Abenteuer“ dieses Eintauchen einer westlichen Europäerin in ein wildes, kaum gekanntes Land und Veska als Hauptfigur hat hier zumindest Teile einer solchen Alter-Ego-Perspektive der Externen, der bürgerlichen Entdeckerin. Wie Veska ihre historischen Gegenstände aus der grenznahen Steppe hebt, so arrangiert auch „Das geträumte Abenteuer“ Material über den Gegenstand bulgarischer Gegenwart, Vergangenheit und womöglich auch Zukunft. Material, das unschwer zu erkennen, einer persönlich involvierten Recherchearbeit nachfolgt. Seien es Verstrickung Bulgariens in den Jugoslawienkrieg der 90er Jahre, seien es nationalistische Bulgarisierungspolitiken gegenüber muslimischen Minderheiten oder aktuell die Rolle, die Bulgarien im Flüchtlingsschmuggel spielt. Zentral setzt Grisebach hier nun die Banalität des mafiösen Bösen, das hier multipel und komplex in der Gesellschaft angelegt ist. Nicht so sehr schwelend als herabstürzbares Damoklesschwert, sondern alltäglich als ständige Lebensrealität. Es ist ein Hintergrundrauschen, das der Film nun drei Stunden lang nachspürt, sich manchmal für dieses mehr, manchmal für jenes weniger interessiert, aber in der die Struktur krimineller Wertschöpfung doch so etwas wie der Humus ist, auf dem Leben und Überleben erst möglich ist.
Und um dieses Sehen produktiv zu machen, empfiehlt sich eben dieser zweite Lektüreschlüssel eines archäologischen Schauens deutlich besser. Ein Schauen, das langsam und geduldig freilegt, was es findet, ohne es nach dem zu bewerten, was gefunden werden soll.



