How To Sell Drugs Online (Fast) — Season 1

Drogenverticken ist Nerd-Sache (ja eh)

Originaltitel: How To Sell Drugs Online (Fast)
Produktionsland: Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2019
Regie: Lars Montag, Arne Feldhusen
Drehbuch: Sebastian Colley, Philipp Käßbohrer, Stefan Titze
Produktion: Bildundtonfabrik / Netflix
Kamera: Armin Franzen
Montage: Rainer Nigrelli, Marc Schubert, Alex Kutka, Christoph Cepok
Darsteller: Maximilian Mundt, Lena Klenke, Danilo Kamperidis, Roland Riebeling,
Damian Hardung, Luna Schaller, Leonie Wesselow, Bjarne Mädel, Jolina Amely Trinks
Laufzeit: 6x ca. 30 Minuten (ca. 180 Minuten)

Der 17-jährige Schüler Moritz Zimmermann (Maximilian Mundt) will seine Freundin zurückgewinnen, die mit dem bekanntesten Drogendealer des Schulhofs, Dan Riffert (Damian Hardung), durchgebrannt ist. Für Moritz gibt es nur einen Weg: er muss bessere Drogen verkaufen als sein Kontrahent. Allerdings hat er so gar keinen Plan davon, was er da tut.

Da er sich gut mit Technik auskennt, startet er aus seinem Kinderzimmer heraus mit seinem besten Freund Lenny (Danilo Kamperidis) frei nach dem Motto „Heute Nerd, morgen Boss“ einen Online-Drogenhandel. Das junge Unternehmen geht durch die Decke und Lenny und Mortiz werden zu den größten Dealern Europas.
Quelle: moviepilot.de


Replik:

„How To Sell Drugs Online (Fast)“ — So heißt die Ko-Produktion zwischen Netflix und der bildundtonfabrik (also den Hintermännern und -frauen von Böhmermann, Olli Schulz usw.), die sich mit der spannenden und wahren Begebenheit des Maximilian S. bzw. ShinyFlakes beschäftigt. Der (Rise &) Fall jenen jungen Mannes, der aus seinem Kinderzimmer heraus eines der größten Drogenimperien der deutscher Kriminalgeschichte aufzog. Ich habe mir diese Serie angesehen, weil mich das Thema als Autor auch interessierteund ich bereits eigene Ideen zur Umsetzung hatte. Unter diesem Aspekt muss man wohl auch diese Replik betrachten. Zusammengefasst sei vorausgeschickt, dass mir einige wenige Punkte der Serie wirklich gut gefallen haben, ich sie im Großen und Ganzen allerdings für misslungen halte. Man kann zwar schwerlich rekonstruieren, wie viel meiner Kritik tatsächlich den Autoren anzulasten ist (und wie viel z.B. dem Mitspracherecht von Netflix usw.), aber: „How To Sell Drugs Online (Fast)“ ist bereits in seiner Konzeption für mich verfehlt. Die nämlich, die Hintergrundgeschichte zu einer reichlich generischen, hip-flippigen Coming-of-Age-Geschichte zu verwursten, die sich schmerzlich deutlich aus den Einzelteilen seiner Vorbilder wie „Breaking Bad“, „Blow“ und Nerdcore-Filmen à la Edgar Wright auseinander setzt.

Shiny Flakes oder: Nerd =/= Nerd

Wenn man sich mit dem real case beschäftigt, fallen vor allen Dingen zwei massive Unterschiede zur Serie auf. Erstens: Shiny Flakes hat das Business wirklich allein aufgezogen, während in der Serie das Geheimnis schnell ein mit Mitwissern geteiltes ist. Und zweitens: Er hat allein bei seiner Mutter gelebt, die selbstverständlich davon wusste oder zumindest eine Ahnung gehabt hatte (anders kann man ja auch eigentlich nicht kiloweise Drogen von zuhause aus verkaufen). Für mich sind gerade diese zwei Aspekte, jene die an der Geschichte so interessant sind — und der verlinkte Vice-Artikel hat auch schon dem narrativen Potenzial dessen sehr intuitiv richtig nachgespürt: „How To Sell Drugs Online (Fast)“ hätte ein fantastisches Psychogramm eines jungen Mannes werden können, der ganz allein mit seinem Ruhm ist. Der absurde Mengen Geld scheffelt, ohne dass er das zur Schau stellen darf. Und der unter einem immensen Professionalitätsdruck steht, in einem Gewerbe, das er mehr oder weniger selbst geschaffen hat.

Was das mit einem Menschen (und einer Generation?) macht, zeigt sich auch daran, dass er Vice bereits vor seinem Auffliegen ein Interview gab (und wie kühl-souverän er das tat) oder anhand der Anekdote, dass er anfing, seine Kunden zu beleidigen. Shiny Flakes war allein. Und dass er schließlich anfing, Fehler zu machen, lässt sich womöglich auch auf das diffuses Gemisch aus Größenwahn („alles was ich gemacht habe, hat funktioniert“) und dem verqueren inneren Bedürfnis zurückführen, der Welt endlich zeigen zu können, was man Absurdes geleistet hat. Was für ein crazy motherfucker man ist. Man muss sich nur mal ansehen, wie sich Wolfgang Beltracchi in Interviews verhält, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie in der Einsamkeit des totalen Geheimnis ein Bedürfnis nach Publikum wächst.

Außenseitermythos: Nerd

Aber klar, mit dieser Prämisse lässt sich keine Serie für Fans von „Breaking Bad“ machen. Da muss man schon den Vater zu einem Polizisten machen, miiindestens drei weitere Figuren in das Geheimnis einweihen und generell nicht sparsam mit jeglicher Art von abgeschmackter Storywendungen und Stereotypen sein. Das fängt schon bei der haarsträubend highschool-klischierten Love-Interest-Geschichte an. Protagonist Moritz verliert bereits in den ersten fünf Minuten der Serie seine hübsche, blonde, gutbürgerliche (strunzlangweilige) Freundin mit dem hübsch-blond-gutbürgerlichen (strunzlangweiligen) Namen Lisa, die es fortan gilt, aus den Fängen des Schuldealers und Vorzeigesportlers Daniel Riffert zurückzuerobern. Wo wir beim nächsten Punkt wären. Die zwanghafte-zielpublikumorientierte Konzeption der Serie als Nerdcore. Natürlich war Shiny Flakes ein Nerd (im Sinne von computeraffin), sonst hätte er seinen Darknet-Shop gar nicht so betreiben können, mich nervt aber wie derart man diese Pseudo-Diskrepanz des Protagonisten Moritz von „Nerd“ (im Sonne von Außenseiter-Klischee) und „Drogendealer“ bis zur Überdeutlichkeit aufgeblasen hat. Es ist höchstens in den Köpfen der Autoren eine „soziologische“ Ungewöhnlichkeit, dass Menschen mit Hang zu Drogen und Menschen mit Hang zu Computern ein und dieselbe Person sind. Jemand, der computeraffin ist, muss dann aber natürlich auch gleich Steve Jobs zitieren und überall Videospielposter rumhängen haben. Dieses fälschlich polarisierende Denken erkennt man dann auch gut an dem Antagonisten Daniel Riffert, als dem gegenüber quasi-selbstverständlicher Doppelfunktion „Dealer der Schule“ und „mega-gut-aussehender Sportler“. Man erlaube mir an dieser Stelle diese empirisch-pseudosoziologische Bemerkung, aber gerade die gut-aussehenden „Footballer-Typen“ haben doch bereits genug soziale Qualitäten, um sich nicht auch noch als Dealer profilieren zu müssen. Abgesehen davon, dass Drogendealen als Attribut selbst in Zeiten der Vermainstreamung von Techno und Ecstasy, kein glaubwürdiges ist, um jemanden zum Everybody’s Darling der Schule zu machen. Schon gar nicht auf einer derartig spießbürgerlichen Schule wie in dieser Serie.

„Was macht Daniel hier?“
„Das was er immer macht. Gut aussehen, Drogen verteilen und reden.“

Dramatis Personae: Moritz

Ein grundlegendes Problem habe ich schon mit der Hauptfigur und ihrer Besetzung. Maximilian Mundt mag zwar interessant, aber nicht wirklich jung aussehen. Er sieht aus als hätte man auf Teufel komm raus jemanden gesucht, der so aussieht wie Jesse Eisenberg. Die Hauptfigur Moritz ist auch weder in seinen Äußerungen noch seinem Verhalten sympathisch, sein ganzes „Charisma“ basiert eigentlich darauf, ein Außenseiter zu sein. Hier ruht sich „HTSDO(F)“ auf einem etablierten modernen Mythos aus, statt ihm neue Facetten anzubieten. Das einzig „Neue“ ist die chirurgische Transplantation dieses Nerdaußenseiter-Narrativs in ein Drogensetting, das nur unter dem Vorwand der „wahren Begebenheit“ zusammgehört. Der echte Shiny Flakes hätte uns aber wohl eher in interessantem Kennerduktus über Drogen philosophiert, anstatt sich darüber auszuheulen, dass seine austauschbare Freundin mit einem Sportler anbandelt.

Dramatis Personae: Nebenfiguren

Besagtes Love Interest Lisa ist eine völlig uninteressante Figur, deren proklamierte Interessantheit sich nur durch ihre stereotype Besetzung als blondines Schönchen erklären lässt. Ihr ewiges Nicht-wissen-was-sie-will ist unreif und dumm, aber dramatisch notwendig. Ihr gegenüber wird Gerda als die freundlichere, coolere, interessantere (aber nicht ganz so hübsche?) Zweitwahl in Stellung gebracht. Eine typische Drehbuch-Krankheit von Serien, die einen Love-Subplot möglichst lange (nämlich über mehrere Staffeln) künstlich am Leben halten müssen.

Antagonist Daniel Riffert ist dabei ironischerweise eine der tieferen Figuren. Vermutlich aus der Motivation heraus, die Figur über mehrere Staffeln am Leben zu halten, hat man Daniel mit einigen Countertraits versehen, die dem aalglatten Sportlerarschloch ein bisschen Tiefe verleihen sollen. So leidet er z.B. unter der autoritären Erziehung seiner großbürgerlichen Eltern und besucht sogar den Psychiater. Zusammengenommen mit der Tatsache, dass sich Daniel genaugenommen nie wirklich unfair gegenüber Moritz und sogar ziemlich aufrichtig-liebevoll gegenüber Lisa verhält, ist – wenn man mal die Sympathielenkungen pro (stereotypes) Außenseiterlager außen vorlässt – eeeigentlich Daniel noch am ehesten die sympathischste Figur der Serie.

Bjarne Mädels Figur des Dealers Buba ist auch eher die Idee einer Figur als eine fertige Figur. Da wollte man eine unvorhersehbare Bedrohlichkeit mit einer etwas urigen Verplantheit zusammenbringen. Das ist sogar an sich gar keine so unpassende Konzeption einer Kleindealer-Figur, würde sie nicht im schnellen Takt der Serie völlig untergehen. Weder ist Bjarne Mädel witzig, wenn er seine sonderbare Eigenheiten streng nach Netflix-Drehdispo auf Punkt runterspielen muss, noch ist er bedrohlich, wenn er eben immer mal wieder als solche spürbare Witz-Pointen unterbringen muss. Buba scheitert also an seiner Inszenierung.

Edgar Wright und Jonathan Frakes

Was an der Serie filmhandwerklich nicht sehr gelungen (inszenatorisches Timing) bzw. wieder einmal sehr pseudoamerikanisch ausfällt (Ausstattung, Kamera, Schnitt) mag sich zwar als eine Krankheit der Megamaschine Netflix entschuldigen lassen, trotzdem wirft bereits die Konzeption der Serie als solche Fragen auf. Irgendwie will man Komödie sein, und zwar möglichst edgarwrighty, mit Nerdkalenderspruch-Voice-Over, runninggaghafter Lobpreisung von Steve Jobs, Videospielreferenzen usw. Andererseits will man immer noch die true story von Shiny Flakes mit GSG9-Polizisten und holländischen Gangstern erzählen. Weder im einen noch im anderen macht es aber Sinn, dass Ecstasy (und nur Ecstasy; auch hier weicht man deutlich von der Real-Vorlage ab) in regelmäßigen Abständen von einem amerikanischen Ex-Soldaten mit einer Cesna über einem Ackerland abgeworfen wird.

Ihre besten Momente hat „HTSDO(F)“, wenn sie die Methodik postmodernen Erzählens wirklich einmal nutzt und das über das Zitieren von Nerd-Heiligtümern hinausgeht. Die Sequenz, in der uns (der echte!) Jonathan Frakes das Darknet erklärt ist zum Beispiel großes Kino. Das passiert aber leider zu selten und kann die schwere Vereinbarkeit von Komödie und Crime-Story nicht wesentlich flicken. Dass man grundsätzlich eine true story mit Momenten der humoristisch-postmodernen Überhöhung verbinden kann, beweisen Filme von Aaron Sorkin oder Adam McKay. Diese gehen aber von der tatsächlichen porträtierten Persönlichkeit (z.B. Dick Cheney in „Vice“) aus und versuchen diese mittels Stilisierung und Überhöhung zu ergründen, anstatt sie in ein unpassendes Nerd-Korsett zwecks unnötiger und unglaubwürdiger Love-Story zu zwängen, nur um ein Verkaufsargument mehr auf ihrer Seite zu haben.

55%

Dramatische Analyse / kommentierter Episodenguide:

1. Episode:

Der Beginn der Serie beginnt nach recht klassischer Netflix-Rezeptur mit einem Wow-Effekt. Eine GSG9-Einheit stürmt einen Online-Dealer (der absurderweise anscheinend in einem Parkhaus lebt). Hier wird gleich mal das Versprechen an den Zuschauer gemacht, dass „How To Sell Drugs Online (Fast)“ sich noch zu einer großen Crime-Geschichte entwickeln wird (was in der ersten Staffel noch gar nicht der Fall ist, bislang aber alles darauf hindeutet).
Dann: Cut auf unseren Protagonisten Moritz, der vor der Kamera sitzt und sich als Komplize Netflix‘ vorstellt, Etablierung des postmodernen Erzählrahmens, auch wenn von dahin zu 95% brav chronologisch die Handlung vorgetragen wird.

Jetzt wird ebenjene Handlung exponiert. Die ersten fünf Minuten verwendet die Serie, um in rasendem Tempo Moritz als Nerd (Poster, Torrent-Programme) und seine Familie (alleinerziehender Vater, nervige 11-jährige Instagram-Schwester) vorzustellen. Allerwichtigste Aufgabe der ersten fünf Minuten ist jedoch die Etablierung des Love Interests. Seine Freundin Lisa kommt heute aus ihrem USA-Auslandsjahr wieder und der romantische, einfühlsame Moritz schaut sich Fotos und Videos von ihr an. (An dieser Stelle mag das zusammenhangslos wirken, allerdings werden die Fotos und Videos fünf Episoden später als Geschenk gepayofft, was die Etablierung der Freundin im Nachhinein sogar noch relativ elegant macht).
Jedenfalls macht seine Freundin Lisa auch schon bereits in den ersten fünf Minuten schluss. Zweieinhalb Minuten später sehen wir warum: Nebenbuhler Daniel, Etablierung des Antagonisten.
Dazwischen wird noch der beste Freund Lenny etabliert, und zwar im Kontext des Außenseiterseins. Moritz läuft durch die Gänge und wägt sich in einer Tradition mit den großen Nerds der Geschichte, die alle früher Außenseiter gewesen seien Auch damit macht die Serie das Versprechen einer großen Aufstiegsgeschichte und setzt gleichermaßen ein Wir-gegen-Die-Gefühl.

Jetzt fehlt nur noch eins: Ecstasy. Denn das ist ja der thematische Zuckerguss der Serie. Das was die Serie von anderen Serien unterscheiden soll. Postmodern macht der Voice-Over uns das Angebot die Erklärung, was Ecstasy denn ist, einfach zu skippen. Diese Interfacisierung der Erzählung beherrscht die Serie ganz gut, sodass sie alles in allem Spaß macht, auch wenn sie natürlich ein bisschen anbiederisch-jugendlich sein mag.

Im Folgenden werden brav alle Nebenfiguren mit Kurzauftritten eingeführt: das alternative Love Interest Gerda, der Polizistenvater, der shady Kleinstadtdealer Buba und sogar Moritz‘ Mutter (die in der ersten Staffel gar nicht vorkommt, aber schonmal für die Folgestaffel angelegt wird)
Außerdem werden bereits in der ersten Episode noch alle weiteren Subplotlines (das „Einhacken“ von Moritz auf den Facebook-Account seiner Freundin, das Laser-Drucken von Lenny, das gemeinsame StartUp-Projekt MyTems usw.) ins narrative Kartendeck gemischt, die für die erste Staffel benötigt werden.
Zum Schluss noch ein Cliffhanger: Moritz‘ Entscheidung, Drogen online zu verkaufen. Wir enden wieder mit einem Wow-Effekt.

2. Episode:

Auch hier wieder ganz typisch serielle Erzählkunst: Der Cliffhanger der ersten Folge wird erstmal wieder fallengelassen und auf die Bremse getreten, um gemächlich das Setup der Episode zu erzählen.

Man hat eine Pille bei Lisa gefunden und Moritz will die Gelegenheit nutzen, Verantwortung dafür zu übernehmen. Dafür löscht er die Nachrichten, die Daniel seiner Ex-Freundin schickt von ihrem Account aus.

An dieser Stelle werden gleichzeitig zwei Typen von Setups gezogen, die ich an dieser Stelle von einander mit provisorischen Begriffen differenzieren möchte.

Einerseits der Einweg-Setup: Die Pille auf dem Boden. Wurde kurz in der Episode zuvor (deutlich mit einer Close-Up-Einstellung etabliert) und zu Beginn der zweiten Episode schon eingelöst (erst Staubsauger, dann Mutter, dann Diskussion).
Dem gegenüber der Line-Setup: Der Facebookaccount. In der ersten Episode liebäugelt Moritz schon häufiger mit dem Einloggen in Lisas Account, er thematisiert es auch im Voice-Over. Es ist klar, dass Einloggen in ihr Account wird eine größere Sache. Nämlich eine ganz Subplotline, die sich durch die gesamte Staffel durchziehen wird. Kein Zufall ist hier auch, dass dieser Setup bereits in den ersten fünf (!) Minuten der Serie angelegt wird und der Einweg-Setup etwas ist, das mitten in eine dramatische Szene (Streit auf der Hausparty) eingewoben wird.

Erst nach fünfzehn Minuten der zweiten Episode kommen wir auf besagten Cliff-Hanger zurück. Das Verkaufen von Drogen übers Internet, das uns lautstark in der ersten Episode versprochen wurde, wird jetzt endlich weiter erzählt. Und man muss sagen mit dem besten Moment der gesamten Staffel! Jonathan Frakes — synchronisiert vom original deutschen X-Factor-Synchronsprecher — taucht auf und erklärt uns absurderweise die Funktionsweise vom Darknet. Auch hier wieder so ein Moment von Interfacisierung, von postmodernem, selbstrefrenziellen Erzählen. Visualisiert anhand von einer Sportunterrichtstunde bekommt man tatsächlich sehr anschaulich erklärt, wie etwas Hochnerdiges und eigentlich Uninteressantes wie das Darknet funktioniert. Chapeau! Der definitiv beste Moment der Staffel!

Bereits in der nächsten Szene beichtet Moritz seinem besten Freund, dass er die digitale Infrastruktur seines Projektes missbraucht hat, um damit einen Online-Drogen-Shop zu eröffnen. Damit verzichtet die Serie darauf, einen weiteren Konflikt aufzubauen, indem Moritz ein Geheimnis vor seinem Kumpel hat und erzählt darüber (notwendigerweise), dass Moritz ein so schlechter Kerl auch wieder nicht ist.

Währenddessen verpfeift Daniel Buba an die Bullen, der wiederum glauben wird, dass Moritz und sein Freund dafür verantwortlich waren. Dieser Subplot ist eine relativ uninspirierte klassische Verwechslungsgeschichte, ohne interessante Wendungen oder Details. Die ärgerlicherweise sogar eine der zentralen der Staffel darstellt.

Die Folge schließt nochmal mit einem der wenigen Genius-Momente der Staffel, die sich ausschließlich auf episches, also beschreibendes Erzählen beschränken: das Darstellen des faden Vorgangs des FAQ-Erstellens für Moritz‘ und Lennys Drogenshop wird erfrischenderweise in einem lustvollen Dialog zwischen den beiden dargeboten, bei dem einer die Rolle der Questions und der andere die Rolle der Answers übernimmt. Kann man mal so machen.

3. Episode:

Die dritte Episode beginnt mit dem Zweckbündnis zwischen Team Moritz-Lenny und Buba. Damit wird der Drogenkarriere neuen Auftrieb geleistet und gleichzeitig Spannung durch das instabile und unvorhersehbare Verhältnis zu Buba geboten (zumindest auf dem Papier, denn die zerfaserte Inszenierung trifft nicht den Kern dieser gewünschten Stimmungsmelanche.)

Direkt danach (7:45) recherchiert Lenny bereits den Bau einer Pistole per 3D-Drucker. Wenig später (12:12) wird sie schon gedruckt. Wir folgen hier einer Subplotline, die bereits in der ersten Folge angelegt war und man muss kein Prophet sein oder das Zitat von Anton Tschechow kennen („If in the first act you have hung a pistol on the wall, then in the following one it should be fired. Otherwise don’t put it there.„), um zu ahnen, dass diese Pistole zum Einsatz kommen wird. Subtil ist das nicht, aber „HTSDO(F)“ setzt auf den Effekt der Beiläufigkeit. Das 3D-Drucken ist immer groß genug, dass man es merkt, aber so klein wie möglich nebenbei erzählt, dass man es auch immer wieder vergisst.

Die Scheidung von Lisas Eltern nimmt weiter an Fahrt auf (ab 13:30), zumindest in dieser Staffel hat das keine wirklichen Folgen für irgendwen.

Dann kommt Lennys Ecstasy-Verkostung (ab 15:20), die im Grunde ein rein epischer Bildreigen bleibt. Keine Selbstverständlichkeit, z.B. hätte man (wenn auch moralistisch angehaucht) eine gesundheitliche Konsequenz für den Behinderten Lenny, eine elterliche Konsequenz (den dazugehörigen Subplot gibt es ja) oder zumindest eine Reaktion der Schüler auf seinen Rausch erzählen können. Nichts davon passiert. Der Rausch bleibt eine reine Insel.

Jetzt kommt ein weiterer schwacher Moment (18:45), der einen völlig schwachen Subplot nach sich ziehen wird: WIE AUS DEM NICHTS meldet sich ein Sympathisant aus dem Internet und bietet ihnen uneigennützig Drogenlieferung aus den USA an, die er dann selbst vorbeifliegt, weil er „ein traumatisierter Army-Soldat ist“. Sorry, nein. Das ist pretty too much deus ex machina. Abgesehen davon weiß jeder, der sich mit der Materie auseinandersetzt, wie groß im Gegenteil die Konkurrenz unter Händlern im Darknet ist.

Gut hingegen ist der zentrale Payoff der Facebook-Account-Plotline (20:20). Ich möchte hiermit meine Bewunderung für den Storystrang aussprechen, da er a) etwas über Moritz aussagt, ohne ihn übermäßig unsympathisch zu machen b) die Gegenseite Lisa in ihrer Reaktion nachvollziehbar macht und c) eine visualisierbare, auch für Laien verständliche, so zuvor noch nie dramatisch erzählte und gleichermaßen realistische Weise darstellt, Kommunikation/Fehlkommunikation dramatisch zu nutzen.

Das Finale der Folge nervt dann wieder ein bisschen mit der unlogischen Flugzeuggeschichte und der sich anbahnenden Polizei-Subplotline, indem Moritz‘ Vater seinen eigenen Sohn nicht am Handy erkennt. Wenn man schon das Polizeiwesen vereinfacht, um möglichst konfliktgeil zu erzählen, dann auch mit voller Entschlossenheit!

4. Episode:

Bumm. Moritz ist jetzt ein Stalker und hat seinen ganzen Ruf auf der Schule verloren. Jeder ärgert ihn jetzt damit -> Also ein klassisch-übertriebener Highschool-Musical-haftiger Status, der zeigt, wie tief der Protagonist in der Klemme steckt und wie wenig Kredit er insbesondere bei seinem Love Interest hat.

Aber! Es gibt ja Gerda, die sich jetzt als einzige profilieren kann, die Moritz vertraut. Das ist auch im Grunde alles was in dieser Folge passiert. Die beiden machen dann noch ein Referat zusammen, sie lädt ihn auf ihre Geburtstagsfeier ein und kauft sich (natürlich nicht-wissend) Drogen in Moritz‘ Shop. Das ist alles sehr uninspiriert stangenwarenhaft verdichtet.

Dazu wird noch der Polizei-Plotline vorangetrieben, in dem Moritz seine eigenen Beweise löschen darf. Was man ihm selbst angeboten hat und dann nicht einmal über seine Schulter geschaut wird. Eine dramatische Behauptung, die nicht einmal wirklich neu ist (Beweismittel werden in Serien ziemlich oft vernichtet).

Insgesamt eine Folge, die man sich nur anschaut, weil man die Serie eh schon angefangen und die Staffel eh schon fast fertig geschaut hat.

5. Episode:

Die Folge beginnt (0:16) mit einem (so will ich ihn mal nennen) Donnie-Darko-Moment: Moritz gewinnt nämlich ein bisschen Lisas Herz zurück, weil der etwas Smartes und Rebellisches im Unterricht sagt.

Im Anschluss kommt aber eine erzählerische Zäsur, die eigentlich nicht zu entschuldigen ist. Moritz und Lenny sitzen in einem (3:13) aberwitzig-stilisierten Restaurant und Moritz erzählt, dass er gerade aus den Niederlanden wiederkommt, wo er große Drogendeals an Land gezogen hat (WTF).

Das ganze wird über eine Ellipse + Rückblenden erzählt, was a) erzählmotorisch bislang nie etabliert wurde und b) schon deshalb eigentlich nicht geht, weil es eine Rückblende in der Rückblende ist. Es ist jedenfalls ziemlich unrund gelöst und ganz offensichtlich dem Druck des Writer’s Room geschuldet, eine sehr schwer realistisch verklickerbare Erzählung wie die Kontaktaufnahme und Verhandlung mit niederländischen Großdealern möglichst schnell und verknappt in die erste Staffel unterzubringen (man kann damit rechnen, dass dieser Story-Strang der HAUPT-Strang der nächsten Staffel sein wird, dazu mehr bei Episode 6). Hier verliert die Serie in einem Mal seine komplette bisherige Tonalität und Erzählstrategie und alles was wir in Rückblenden erzählt bekommen ist auch alles andere als glaubhaft (rübergebracht).

Diese Zäsur vollzieht sich über die Hälfte der Episode (insgesamt ca. 10 Minuten). Der Rest der Folge ist im Wesentlichen Gerdas Party. Hier ist es natürlich fein, Olli Schulz zu sehen und zu hören „Sa’mal Gerda, echt jetzt? Mit so ’nem Eimer machst du rum?„, aber abgesehen davon wird uns nur der vorhersehbare Höhepunkt des Gerda-Lisa-Moritz-Loveinterest-Plots präsentiert, in dem Lisa mit Daniel (vor Moritz Augen) und Moritz mit Gerda (entgegen Moritz‘ Willen) rumküsst. Aus der Enttäuschung gegenüber der Ablehnung nimmt Gerda dann zu viele (von Moritz‘) Drogen und landet im Krankenhaus. Vorhersehbar, uninspiriert und übertrieben.

Edit: Achja, okay, Lenny wird noch von Buba entführt.

6. Episode:

Nachdem Buba Lenny entführt hat, wird er auf seinem Pferdehof festgehalten und mit dem Tode (etwas übertrieben, aber okay) bedroht, da er für denjenigen gehalten wird, der ihn  an die Polizei verpfiffen hat.

Aber das war natürlich Daniel und der muss jetzt von Moritz abgeholt werden, damit er das Ding wieder grade biegt. Dadurch wird ein Zweckbündnis eingegangen. Schließlich nimmt Buba aber alle drei von ihnen gefangen und versucht herauszufinden, wer der drei die Ratte ist. Hier wird die Charakterfrage an Daniel gestellt. Und da Daniel kein schlechter Mensch ist, stellt er sich der Verantwortung und bringt sich damit in Lebensgefahr. Klassischerweise wird er dadurch belohnt, dass Bösewicht Buba von der sorgfältig gesetuppten 3D-Pistole erschossen wird (in einem wiedermal durchschaubar pointierten Weise). Bumm.

Danach werden die Figurenachsen neu justiert und auf die zweite Staffel hin strukturiert. Moritz, Lenny und Daniel sind jetzt ein Team, haben ein Geheimnis, eine Abmachung, deren Brechung bereits episch vorausgedeutet wird („Mach dir keine Sorge. Alles wird gut. Solang wir keine Scheiße bauen und alles unter uns dreien bleibt. Wird alles gut.„) Ein Schelm, wer denkt, dass in der zweiten Staffel vielleicht doch jemand Scheiße baut und die Sache nicht unter den dreien bleibt.

Um mal einen kleinen exemplarischen Exkurs auf die Dialogqualität der Serie zu bringen: interessanterweise geht der so eben zitierte Dialog dann nahtlos so weiter: „Aber schon geil mit dem Artikel, oder?“ – „Welcher Artikel?“ – „Habt ihr nicht gelesen? Ich dachte ihr seid die Nerds, was macht ihr denn die ganze Zeit am Computer?“ … Ein unentschuldbarer, psychologischer Bruch in dem Dialog, nur um zu etablieren, dass der Drogenshop mittlerweile Wellen bis in die Presse geschlagen hat. Realistisch wäre es gewesen, wenn Daniel direkt mit dem Thema kommt und nicht so achja-übrigens-mäßig out of the blue. Realistisch wäre es natürlich ohnehin auch gewesen, wenn Moritz den Artikel schon kennen würde, aber irgendwie muss man es dem Netflix-Publikum ja erzählen. Aber Hauptsache man bringt noch einen Nerd-Spruch mit in den Wortwechsel ein. Die Dialoge wirken insgesamt nicht organisch, sondern wie die Ansammlung von Jodel-Sprüchen, was man teilweise auch daran merkt, dass die Schauspieler über Worte stolpern o.Ä.

Die Staffel schließt mit einer schwer glaubwürdigen Ermordung des Ami-Pilotes durch das Drogenteam-Holland, was deutlich auf die Etablierung einer neuen Konflikt-Achse (Team Moriztz vs. Team Holland) für die zweite Staffel hinweist, die leider nicht sehr viel Vorfreude macht, weil sie sich jetzt schon in seiner Darstellung jeglicher Adäquatheit verwehrt. Außerdem kehrt Love Interest Lisa zu Moritz zurück, sieht auf seinem Nachttisch aber Drogen liegen, was gleichzeitig neue Teambildungs- wie Konflitklinien nach sich zieht. Viel kann man von der zweiten Staffel also wohl nicht erwarten, aber vielleicht kommt mal wieder Jonathan Frakes darin vor.

Bildrechte aller verlinkten Grafiken: © Bildundtonfabrik / Netflix

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