Filmjahr 2021


147 Releases von 2021 im Rückblick.

Zur Vorjahresliste hier entlang.

Mit 147 gesehenen Film-Releases war ich 2021 ein recht fleißiger und gewissenhafter Beobachter des gegenwärtigen Weltkinos. Es war kein herausragendes, aber auch kein schlechtes Jahr. Mit „Titane“ konnte das erste Mal eine Frau als alleinige Siegerin an der konservativen Croisette den Hauptpreis der Goldenen Palme entgegennehmen und — zumindest oberflächlich attributiv betrachtet — wurde diese filmhistorische Leistung von Venedig sofort bestätigt. Auch hier konnte eine Frau und Französin mit einem Zweitlingsfilm reüssieren, auch hier handelte es sich um eine zweifellos feministisch motivierte Arbeit und auch hier ist brutale körperliche Erfahrung ein wichtiger Modus. Bei all den Gemeinsamkeiten könnte man beide Filme aber ausgerechnet an der Bruchlinie des feministischen Diskurses unterscheiden: Während „Titane“ eine offene Apologet*in des Queer-Feminismus darstellt und hierbei mitunter platt in seinen Provokationen wirkt, legt die Tour-de-Force von Audrey Diwans Annie-Ernaux-Verfilmung „L’evenement“ den Augenmerk auf das Frausein als eine durch (unfreiwillige) Gebärfähigkeit gekennzeichnete biologische Kategorie faktisch benachteiligte Lebensrealität, womit sie einem radikalen, bzw. gender-kritischen Feminismus nähersteht. Choose your player.

In Berlin hat man in diesem Jahr Radu Jude zu seinem ersten großen Preis verholfen und das für einen seiner „kleineren“ Filme. Zwar ist „Bad Luck Banging“ ein durchaus langer, sperriger Film, aber er arbeitet kaum mit Schauspiel, kaum mit Narration, sondern mit essayistischen Gesten, wirkt in seiner Struktur fast geordnet wie ein (unterhaltsames) Sachbuch. Damit hat der Film eine Schreibtischtäterhaftigkeit, die mich teilweise an den späten Godard erinnert (der für einen klassischen Set-Film ja körperlich kaum mehr in der Lage ist, wohingegen Jude einfach nur einen weiteren Film inmitten einer Pandemie drehen wollte). Es ist trotzdem oder gerade deswegen eine glückliche Jury-Entscheidung. Obwohl auch „Bad Luck Banging“ ein politischer Film ist, ist er vorerst die Skulptur eines Filmkünstlers. Dass so ein Film gewinnt, ist ein gutes Zeichen, wurden solche in Berlin bei der Bären-Wahl in den letzten Jahren mit ziemlicher Regelmäßigkeit zu Gunsten politischer Statementfilmerei übergangen.

Einmal nochmal kurz zurück zu „Titane“: Was bei dieser Goldenen Palme Hoffnung macht, ist, dass sich Genre-Kino im Verbund mit Filmkunst wieder größere Publikums erreichen könnte und damit in gewisser Weise wieder klassenübergreifend funktionieren würde. Denn dass es gerade das Genre-Kino ist, dass auch in den ökonomisch-kulturell schwächeren Klassen funktioniert, zeigte 2021 vor allem der Welterfolg der Serie „Squid Game“, die ja produktionell ohne den Welterfolg von „Parasite“ wohl niemals entstanden wäre (und der Oscar für „Parasite“ steht wiederum in einem kausalen Zusammenhang mit seiner Goldenen Palme 2019) Wie steht es um das Genre-Kino und dessen Verknüpfungen mit gesellschaftlicher Progression? „Squid Game“ ist in seiner Kapitalismuskritik leider nur ca. 2 Folgen lang interessant, die Äquivalentsetzung von Glücksspiel und (Selbst)vernichtung von armen Menschen ist clever und angemessen. Danach verfängt sich die Serie aber in einem repetitiven Saw-Prinzip und uninteressantem Figurendesign.

Out Of Competition
• „Krai“ (Aleksey Lapin, 2021)
• „Räuberhände“ (Ilker Catak, 2021)

No!
145. „Das Mädchen und die Spinne“ (Ramon & Silvan Zürcher, 2021)
144. „Edward“ (Thop Nazareno, 2019)
143. „Moxie“ (Amy Poehler, 2021)
142. „News Of The World“ (Paul Greengrass, 2020)
141. „Die Welt wird eine andere sein“ (Anne-Zohra Berrached, 2021)
140. „Ich bin dein Mensch“ (Maria Schrader, 2021)
139. „Better Days“ (Derek Tsang, 2019)
138. „The Man Who Sold His Skin“ (Kaouther Ben Hania, 2020)
137. „Lovemobil“ (Elke Lehrenkrauss, 2019)
136. „My First Summer“ (Katie Found, 2020)
135. „Mehrunisa“ (Sandeep Kumar, 2021)

Ablehnung Teil 1: l’art pour l’art

„Das Mädchen und die Spinne“ ist ein Film, den ich so leidenschaftlich hasse, dass ich zwischenzeitlich überlegt habe, ihn ein zweites Mal zu sehen, nur um ihn verreißen zu können. „Das Mädchen und die Spinne“ glaubt, in der Anhäufung von filmstudioesken Stage-Bewegungen, gewollt obskuren Dialogen, einer „niedlichen“ Protagonistin und einem unverfänglichen Umzugssetting die große Filmpoesie gefunden zu haben. Die hyperprätentiöse Verquickung von bürgerlichem Sympathiepleasing durch Niedlichkeit, technisch anspruchslosesten Verfremdungseffekten filmhandwerklicher Art und der völligen Verweigerung, auf irgendeiner anderen Ebene genießbar zu sein, als auf dem schmalen Korridor der reißbrettartigen Autorenfilmerhandschrift, hat mich rasend gemacht. MIR IST SCHEISSEGAL, WAS MIT DEINEM PDF PASSIERT IST, Digga. Aber es ist okay, wenn es für jemand anderem die Welt war, denn „Das Mädchen und die Spinne“ ist kein ideologisch verwerflicher Film, keine filmproduktionelle Frechheit, er ist einfach scheiße und das ist irgendwie auch wieder okay.

Rather not.
134. „Drift Away“ (Xavier Beauvois, 2021)
133. „One Second“ (Zhang Yimou, 2020)
132. „District Terminal“ (Ehsan Mirhosseini & Bardia Yadegari, 2021)
131. „Ghosts“ (Azra Deniz Okyay, 2020)
130. „The Green Knight“ (David Lowery, 2021)
129. „Squid Game“ (Hwang Dong-hyuk, 2021)
128. „The Innocents“ (Eskil Vogt, 2021)
127. „Dune“ (Denis Villeneuve, 2021)

Ablehnung Teil 2: Der ideologische Film

Über etwaige Marvel-Filme, die mal wieder unverhohlen Kriegspropaganda betreiben, kann ich an dieser Stelle nicht schreiben, weil sie mir glücklicherweise erspart geblieben sind. Ist die Propaganda von „Moxie“ und „News Of The World“ subtiler? Vielleicht. Beides Werke einer linksidentitären im Kern antihumanistischen Geisteshaltung.

„Moxie“, der als charmante High-School-Komödie getarnte Lieblingsfilm der Evergreen-Ideologie ist reines Schreien nach unhinterfragbarer Cancel Culture. Die böse männliche Pappkameradschaft ist anfangs noch augenzwinkernd, gegen Ende dann aber mit voller Ernsthaftigkeit als politisch auszumerzendes Unkraut gezeichnet. Nur, wer sich attributiv einer holden Minderheit angehörig heischen kann, hat in „Moxie“ Recht auf faire Repräsentation und Stimme. Viel besser macht es „Promising Young Woman“, der sein Genre als Rache-Thriller einer permanenten Selbstreflexion aussetzt und nebenbei die Mechanismen des Patriacharts viel tiefgreifender und gnadenloser seziert.

„News Of The World“ von Paul Greengrass ist eine in ein historisches Setting verfrachtete Selbstbefriedigung der liberalen Wertesphäre. Einmal mehr tritt ein Ritter der Gerechtigkeit auf, der ein armes Opfer in heiliger Selbstlosigkeit vor einem Haufen klischeehafter Fantasien von proto-republikanischen Bösewichten zu retten. Der Weg zum Licht ist die Bildung (symbolisiert durch den Beruf des Newsman), aber zur Selbstverteidigung bedarf es auch hin und wieder die Pistole. Am Ende kehrt das unter Indigenen aufgewachsene Mädchen wieder zurück in ihre Heimat deutscher Siedler und damit zum feuchten Traum der (Links)identitären: Wahre Verbundenheit gibt es nur innerhalb der eigenen Identitätskategorie.

Mhmmm.
126. „The Mauritanian“ (Kevin Macdonald, 2021)
125. „Sargnagel“ (Sabine Hiebler & Gerhard Ertl, 2021)
124. „Kokon“ (Leonie Krippendorff, 2020)
123. „The United States vs. Billie Holiday“ (Lee Daniels, 2020)
122. „Forest: I See You Everywhere“ (Benedek Fliegauf, 2021)
121. „Pinocchio“ (Matteo Garrone, 2019)
120. „Fuchs im Bau“ (Arman T. Riahi, 2020)
119. „Blue Moon“ (Alina Grigore, 2021)
118. „his“ (Rikiya Imaizumi, 2020)
117. „The Hand Of God“ (Paolo Sorrentino, 2021)
116. „Ma Rainey’s Black Bottom“ (George C. Wolfe, 2020)
115. „KONTORA“ (Anshul Chauhan, 2019)
114. „Matthias & Maxime“ (Xavier Dolan, 2019)
113. „Hochwald“ (Evi Romen, 2020)
112. „Natural Light“ (Dénes Nagy, 2021)
111. „Daughters“ (Hajime Tsuda, 2020)
110. „Quo Vadis, Aida?“ (Jasmila Žbanić, 2020)
109. „Und morgen die ganze Welt“ (Julia von Heinz, 2020)
108. „MOTHER“ (Tatsushi Omori, 2020)

Größte Enttäuschung:

Für viele war „The Power Of The Dog“ von Jane Campion der Film des Jahres. Routiniert inszeniert und star-besetzt geht sich das Western-Drama aber für mich persönlich zu keinem Zeitpunkt wirklich als das aus, was es sein möchte, ein Film, der die psychologische Spielwiese der Romanvorlage in das filmische Medium überträgt. Einige Subtexte trägt der Film peinlich offensichtlich vor sich her (die Homosexualität der Cumberbatch-Figur), andere wieder sind viel zu abstrakt, um verstehbar zu sein (die Absicht, jemanden in den Selbstmord zu treiben).

Yayy.
107. „Madison“ (Kim Strobl, 2021)
106. „Titane“ (Julia Ducourneau, 2021)
105. „Crip Camp“ (Nicole Newnham & James Lebrecht, 2020)
104. „Boy Meets Boy“ (Daniel Sánchez López, 2021)
103. „Roland Barthes: 21st Century Mythologies“ (Amanda Rubin, 2020)
102. „Returning To Reims“ (Jean-Gabriel Périot, 2021)
101. „Celts“ (Milica Tomović, 2021)
100. „In Those Days“ (Rikiya Imaizumi, 2021)
099. „The Power Of The Dog“ (Jane Campion, 2021)
098. „The Tsugua Diaries“ (Miguel Gomes & Maureen Fazendeiro, 2021)
097. „A Sun“ (Chung Mong-Hong, 2019)
096. „Outside Noise“ (Ted Fendt, 2021)
095. „Was wir wollten“ (Ulrike Kofler, 2020)
094. „Wagenknecht“ (Sandra Kaudelka, 2019)
093. „1956, Central Travancore“ (Don Palathara, 2019)
092. „Limbo“ (Ben Sharrock, 2020)
091. „The Domain“ (Tiago Guedes, 2019)
090. „A School in Cerro Hueso“ (Betania Cappato, 2021)
089. „The Card Counter“ (Paul Schrader, 2021)
088. „Introduction“ (Hong Sang-Soo, 2021)
087. „A River Runs, Turns, Erases, Replaces“ (Shu Zhengze, 2021)
086. „Danyka“ (Michael Rowe, 2020)
085. „Ham On Rye“ (Tyler Taormina, 2019)
084. „His: I Didn’t Think I Would Fall in Love“ (Rikiya Imaizumi, 2019)
083. „Wife Of A Spy“ (Kiyoshi Kurosawa, 2020)
082. „The Souvenir: Part II“ (Joanna Hogg, 2021)
081. „Space Dogs“ (Elsa Kremser & Levin Peter, 2019)
080. „Unclenching The Fists“ (Kira Kovalenko, 2021)
079. „Mank“ (David Fincher, 2020)
078. „The Father“ (Florian Zeller, 2020)

Größte Überraschung:

„Tigers“ habe ich mir nur angesehen, weil ich Fan von Inter Mailand bin. Bekommen habe ich den vermutlich besten Spielfilmbeitrag zum Thema modernem Fußballgeschäft, den man in der nächsten Zeit so zu sehen bekommen wird. Erst einmal ist der Film handwerklich über alle Zweifel erhaben, was auch aufgrund der Volllizenzierung der dargestellten Welt zu tun hat (es gibt keine Fantasie-Namen und -Embleme, sondern der Verein hält tatsächlich seine Bildrechte und sogar Original-Locations für das Projekt hin). Besonders bemerkenswert ist das auch deshalb, weil der Film ein sehr dunkles Kapitel des Vereins (und stellvertretend des Profifußballs per se) darstellt: Den Selbstmordversuch des schwedischen Nachwuchsspielers Martin Bengtsson, samt Vorgeschichte mit Mobbing im Nachwuchsdruck, psychischem Druck und Vertuschungs- bzw. Beschönigungsversuche des Vereins Man wird lange auf einen ähnlich ehrlichen Einblick in den Tiger-Käfig Profifußball warten müssen.

Alright!
077. „Limbo“ (Soi Cheang, 2021)
076. „Nova Lithuania“ (Karolis Kaupinis, 2019
075. „Anmaßung“ (Chris Wright & Stefan Kolbe, 2021)
074. „The Trial Of The Chicago 7“ (Aaron Sorkin, 2020)
073. „The Cloud In Her Room“ (Zheng Lu Xinyuan, 2020)
072. „Oray“ (Mehmet Akif Büyükatalay, 2019)
071. „Yuni“ (Kamila Andini, 2021)
070. „Censor“ (Prano Bailey-Bond, 2021)
069. „A Cop Movie“ (Alonso Ruizpalacios, 2021)
068. „Woman“ (Yann Arthus-Bertrand & Anastasia Mikova, 2019)
067. „Soul“ (Pete Docter, 2020)
066. „Cleaners“ (Glenn Barit, 2019)
065. „Paris, 13th District“ (Jacques Audiard, 2021)
064. „Moon, 66 Questions“ (Jacqueline Lentzou, 2021)
063. „Petrov’s Flu“ (Kirill Serebrennikov, 2021)
062. „Under The Open Sky“ (Miwa Nishikawa, 2020)
061. „Give Me Liberty“ (Kirill Mikhanovsky, 2019)
060. „Judas And The Black Messiah“ (Shaka King, 2021)
059. „The Metamorphosis Of Birds“ (Catarina Vasconcelos, 2020)
058. „Ballad Of A White Cow“ (Behtash Sanaeeha & Maryam Moghaddam, 2021)

Man durfte 2021 doch einige hervorragende Arbeiten bestaunen, die die Grenzen des klassischen Erzählkinos in ungeahnte Richtungen ausgelotet haben. „Short Vacation“ war ein Film, der in positiver Naivität so aussah, als sei er Ferienhausaufgabe der jungen Mädchen, die er gleichzeitig porträtiert. „Memory Box“ funktionierte als lustvoll-buntes Medien-Mashup verschiedener Materialspuren. „Another Coin For The Merry-Go-Round“ war ein dichter. atmosphäroscher Millieu-Dschungel aus Rockmusik und Analogbilder. „Wheel Of Fortune And Fantasy“ kann sich auf die Fahne schreiben, als Hommage an das Kino Hong Sang-Soos medienreflexiver und metanarrativer gearbeitet zu haben, als es der Original-Hong lange, lange nicht mehr auf dem Niveau getan hat.

Honorable Mentions
057. „The White Tiger“ (Ramin Bahrani, 2021)
056. „Short Vacation“ (Kwon Min-pyo & Seo Han-sol, 2020)
055. „Beyond The Infinite Two Minutes“ (Junta Yamaguchi, 2020)
054. „New Order“ (Michel Franco, 2020)
053. „Memory Box“ (Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, 2021)
052. „Minari“ (Lee-Isaac Chung, 2020)
051. „À l’abordage“ (Guillaume Brac, 2020)
050. „Sweat“ (Magnus Von Horn, 2020)
049. „Gunda“ (Viktor Kossakovsky, 2020)
048. „Me, We“ (David Clay Diaz, 2021)
047. „Pig“ (Michael Sarnoski, 2021)
046. „A Balance“ (Yujiro Harumoto, 2020)
045. „Memoria“ (Apichatpong Weerasethakul, 2021)
044. „Verdict“ (Raymund Ribay Gutierrez, 2019)
043. „Waren einmal Revoluzzer“ (Johanna Moder, 2019)
042. „This Is Not A Burial, It’s A Resurrection“ (Lemohang Jeremiah Mosese, 2019)
041. „One Night In Miami“ (Regina King, 2020)
040. „Time“ (Garett Bradley, 2020)
039. „Große Freiheit“ (Sebastian Meise, 2021)
038. „Madre“ (Rodrigo Sorogoyen, 2019)
037. „Curveball“ (Johannes Naber, 2020)
036. „Tigers“ (Ronnie Sandahl, 2020)
035. „Bad Luck Banging Or Loony Porn“ (Radu Jude, 2021)
034. „The Earth Is As Blue As An Orange“ (Iryna Tsilyk, 2019)
033. „Herr Bachmann und seine Klasse“ (Maria Speth, 2021)
032. „Wheel Of Fortune And Fantasy“ (Ryusuke Hamaguchi, 2021)
031. „France“ (Bruno Dumont, 2021)
030. „Another Coin For The Merry-Go-Round“ (Hannes Starz, 2021)
029. „Petite Maman“ (Céline Sciamma, 2021)
028. „The Whaler Boy“ (Philipp Yuryev, 2020)
027. „True Mothers“ (Naomi Kawase, 2020)
026. „Annette“ (Leos Carax, 2021)

Die Top 25 der besten Filme 2018

25. „One Day In The Life Of Noah Piugattuk“ (Zacharias Kunuk, 2019)

Dieser Film ist eine der radikalsten Gesten, die ich seit langem im Spielfilm sehen durfte. Fast zwei Stunden lang ist „One Day In The Life Of Noah Piugattuk“ nicht viel mehr als eine ständige Übersetzungsituation zwischen einem kanadischen Siedlungspolitiker und einer Reihe älterer Inuits. Der eine versucht den anderen klarzumachen, dass sie jetzt in eine Stadt umsiedeln müssen und nicht mehr im ewigen Eis leben werden, das für die Männer aber ihre einzig gekannte Heimat ist. Etwas wird auf Englisch gesagt, dann wird es übersetzt, dann wird darauf reagiert, dann wird etwas auf Inuktitut gesagt, dann auf Englisch übersetzt und so setzt sich das zwei Stunden fort. Männer grinsen, lachen, sind verwundert, verärgert, verwirrt. Obwohl der Film in den 1960ern spielt, scheint hier alles echt zu sein. Es ist gleichermaßen Reenactment als auch kommunikationswissenschaftliche, soziologische, ethnografische und, wenn man so will, anthropologische Studie. Man kann sich im Zuschauen dieser zweistündigen Situation verlieren und beginnt Dinge zu sehen und über Dinge nachzudenken, die erst durch den radikalen Nachdruck von Kunuks Film reine menschliche Kommunikationssituation darstellen zu wollen, provoziert wird.

024. „Brother’s Keeper“ (Ferit Karahan, 2021)

Ein anatolisches Waisenheim für Jungen: Memo ist auf einmal schwerkrank, wir erfahren erst später warum. Es geht auch gar nicht so sehr um den Grund an sich, sondern eher um den Umgang des ultramaskulinen Systems Waisenheim (es kommen keine Frauen in dem Film vor) mit Krankheit, Schwäche, Dysfunktionalität. Als Allegorie auf eine patriarchale Gesellschaft ist „Brother’s Keeper“ eine Modellwelt, die Mechanismen offenlegt. Dabei aber nie verkopft-verquastet daherkommt, sondern als physische. erschöpfende Tour de Force konkret filmisch bleibt.

023. „Anne At 13,000 Ft.“ (Kazik Radwanski, 2019)

Kazik Radwanski ist ein Film-Auteur, der seine Filme ausgehend von seinen (Haupt)figuren gestaltet. Es sind Psychogramme; meistens über Menschen, die sich durch eine gewisse Durchschnittlichkeit auszeichnen. So auch in „Anne At 13,000 Ft.“, der von einer Kindergärtnerin erzählt, die vielleicht selbst noch ein bisschen (zu sehr) Kind ist. Radwanskis Figuren sind uneitel-authentisch, bieten Identifikation mit dem Imperfekten und den Zauber des Situativen. „Anne At 13,000 Ft.“ wird nichtsdestotrotz ganz entscheidend getragen von einer grandiosen Anne-Verkörperung durch Deragh Campbell, die das Radwinskische Kino zu neuen, ungekannten Höhen trägt.

022. „Small Aexe: Mangrove“ (Steve McQueen, 2020)

„Mangrove“ als Courtroom-Drama, als Gerechtigkeitskino der schwarzen Community ist eine Sache. Mein Punctum an diesem Film besteht aber vielmehr in der so noch nicht gesehenen authentischen Darstellung afrobritischem Lebens Anfang der 1970er Jahre. Zeit- und Milieu-Kolorit auf höchstem Niveau und einer der ganz zentralen Filme im Werk von Steve McQueen.

021. „Happening“ (Audrey Diwan, 2021)

„Happening“ ist eine dramatische (vielleicht gar nur editorische) Entscheidung von einem Meisterwerk entfernt. In einem solchen Körperkino, das handwerklich hervorragend gearbeitet, durch schwitzendes, schnaufendes, seufzendes, fliehendes, schwankendes, laut atmendes Leinwandleiden verstehbar machen kann, was eine ungewollte Schwangerschaft, samt illegaler Abtreibung mit einem Lebensentwurf anstellt, hach, was wäre es radikal-genial gewesen, die quälend lange Szene der Abortion in einem Film über eine zweifache Abtreibung eben auch zweimal in dieser quälenden Länge zu zeigen. Nein, aber auch von diesem kleinen Schönheitsfehler abgesehen, ist das ein ganz fantastischer Film, der den unverschnörkelten Schreibstil Annie Ernauxs adqäquat ins filmische Werk setzt.

020. „Sasaki In My Mind“ (Takuya Uchiyama, 2020)

Der titelgebende Sasaki ist eine Nebenfigur — und der erzählerische Fixpunkt des Films. Der etwas rätselhafte, verschrobene, impulsive, liebenswürdige Sasaki ist ein alter Schulfreund eines ganzen Ensembles an jungen Erwachsenen, die sich an ihre High-School-Zeit zurückerinnern. Ein Kaleidoskop verschiedener narrativer Spuren, die um das Mysterium des ehemaligen Mitschülers schwirren. Wunderbar erfrischendes und im positivsten Sinne unverschämtes Erzählkino.

019. „Moneyboys“ (C.B. Yi, 2021)

Der österreichische Regisseur C.B. Yi hat mit „Moneyboys“ eine Verneigung vor den großen melodramatischen Meisterwerken des chinesischen bzw. taiwanischen Kinos geleistet. Dieser Debütfilm atmet nicht nur die Leidenschaft, sondern auch die schiere Klasse von Vorbildern wie Hou Hsiao-Hsien und Jia Zhangke. Und das ist schon Kompliment genug. Man darf in Zukunft noch einiges erwarten.

018. „The Last Black Man In San Francisco“ (Joe Talbot, 2019)

Neues sozialistes Kino Vol. 1 — „The Last Black Man In San Francisco“ stellt die Frage nach dem Recht auf Wohnen im Kontext von Klasse und Rasse. Denn der Großvater der Hauptfigur Jimmy Fails soll das viktorianische Haus eigenhändig gebaut haben, das nach dem Tod der weißen Besitzer auf dem Wohnungsmarkt landet. Das Recht, das Haus als Familienleistung zu erben (und damit im übertragenen Sinne auch als Leistung der Afroamerikaner), erweist sich aber im entscheidenden Twist als Irrtum. Regisseur Joe Talbot rebelliert in gewisser Weise ästhetisch gegen diese eigene Pointe an. Denn weil sein Film von so einer eigensinnigen, mobiliaren (kaum ein Film erzählt so schön in Szenenbildern!) Schönheit und liebevollem Figurenwitz ist, würde man Jimmy Fails doch irgendwie gönnen, was ihm rein rechtlich nicht zustünde. Umverteilungskino der Herzen, sozusagen.

017. „Red Rocket“ (Sean Baker, 2021)

Die Wortschöpfung „red rocket“ ist eine eher in den USA geläufige Metapher für einen erigierten Hundepenis. Ein sensationeller Titel, denn in „Red Rocket“ geht es genau darum. Die Hauptfigur Mikey Saber, ein abgehalfterter Ex-Porno-Darsteller, ist in Wahrheit genau das: ein herumstreunender Hund. So bedürftig, dreckig, nervig, notgeil, aber irgendwie auch so ehrlich und liebenswürdig wie eben ein Hund. Sean Baker erweist sich einmal mehr als ein Filmemacher, der soziale Klasse mit Humor und komplizenhafter Freude erzählen kann. Der sich an der Seite der Hauptfigur über seine naiven, kurzsichtigen Bedürfnisse freuen kann und diese gleichermaßen in ein größeres, soziales Panorama einspannen kann.

016 „Sound Of Metal“ (Darius Marder, 2019)

Zwar ist „Sound Of Metal“ Darius Marders Spielfilmregiedebüt, aber als Drehbuchautor verbindet ihn schon länger eine Zusammenarbeit mit Derek Cianfrance, an dessen Filmuniversen sein Film auch stark erinnert. Nichtsdestotrotz beeindruckt die Virtuosität, wie Marder Realismus und motivische Epizität im Gleichgewicht hält, das Große im Kleinen findet, das Kleine im Großen. Eine Geschichte über einen Drummer und Ex-Junkie, der durch eine Welt voller romanhaft-lebendigen Nebenfiguren geführt wird, zum Sinn der eigenen Existenz und ihrer Conditio.

015. „The Body Remembers When The World Broke Open“ (Kathleen Hepburn & Elle-Máijá Tailfeathers, 2019)

Zwei Frauen treffen aufeinander, zwei Frauen mit kanadisch-indigenem Hintergrund, aber völlig unterschiedlichem Klassenbackground. Der in der sozialen „Schwäche“ angelegte Unfähigkeit, Hilfe anzunehmen, wird hier zum Thema erhoben. Fast in einer Einstellung (zumindest mit sensationell kaschierten Schnitten) gedreht, erzählt „The Body Remembers When The World Broke Open“ mit radikaler Konzentration auf zwischenmenschliche Zwischentöne von bedingungsloser Solidarität. In einer Odyssee, die fast nur aus Fußwegen und Taxifahrten zu bestehen scheint, ist das Situative politisch. Was tun, wenn jemand sich einfach nicht helfen lassen will? Hepburn und Tailfeathers bleiben erbarmungslos naturalistisch, kapitulieren fast vor der Unwahrscheinlichkeit. Aber nur fast, denn was bleibt, ist der Moment, die Begegnung, und vielleicht die Erinnerung an die Möglichkeit.

014. „Compartment No. 6“ (Juho Kuosmanen, 2021)

Neues sozialistisches Kino Vol. 2: Juho Kuosmanen präsentiert sich mit seinem zweiten Film wieder als ein Regisseur, dem man sich auch durchaus in einem sozialistischen Land vorstellen könnte. Ein Realismus, der literarisch geschliffen wirkt, der auch für ein breites Publikum funktioniert, uneitel ein Kino für das Volk sein will. Ein Film, der vom Aufeinandertreffen zweier Menschen erzählt, irgendwo zwischen platonischer Zwischenmenschlichkeit, erotischen Zwischentönen und einfacher Solidarität konstatiert Kuosmanen die Kraft der Begegnung als Utopie.

013. „The Worst Person In The World“ (Joachim Trier, 2021)

Joachim Trier hat sein Meisterwerk geschaffen und muss gerade deswegen jetzt ein wenig aufpassen. Denn sein Meisterwerk ist „The Worst Person In The World“ weniger für mich und mehr für die Oscar-Academy und internationale Spectatorship, die seine große Erzählkunst jetzt entdeckt und vereinnahmen wird. „The Worst Person In The World“ ist ein toller Film, aber nicht Triers bester und vor allem ein sehr runder, sehr geschliffener, vielleicht zu perfekter Film. Ein Film, der droht zur Vorlage für Joachim Trier selbst zu werden und hierin liegt die große Gefahr der Eitelkeit. Vielleicht geht es mir mit „The Worst Person In The World“ aber auch einfach so wie beim Lesen von Milan Kundera (mit dem der Film sehr viel poetische Wahrnehmung und Humor teilt): Dass er mich zu sehr an mich selbst erinnert und damit auch ein bisschen ärgert.

012. „Babi Yar. Context“ (Sergei Loznitsa, 2021)

„Babi Yar. Context“ handelt streng genommen tatsächlich mehr von „Context“ als von „Babi Yar“ und der Grund dafür ist simpel. Von einem der größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs, der Massenerschießung der Kiewer Juden im naheliegenden Babi Yar (heute ein Stadtteil von Kiew) existieren schlichtweg sehr wenig Bildmaterialien. Was Loznitsa hier aber filmhandwerklich anstellt ist die Bereitstellung von Archivvideos, die künstlich (aber mit naturalistischem Anspruch) nachvertont wurden. Das „Ereignis Babi Yar“ stellt dabei genau die Mitte dar, flankiert von dem militärischen Vorstoß der Deutschen und dem nachfolgenden Gegenangriff der Russen. „Babi Yar. Context“ erzeugt ein beeindruckend-bedrückendes Zeitgefühl, in der Hoffnungen und Ängste der Ukrainer, sowohl in den Nazis als auch den Sowjets aufzeigt und nachspürbar macht.

011. „Mio On The Shore“ (Ryutaro Nakagawa, 2019)

Im Kern ist „Mio On The Shore“ ein konservativer Film, könnte man sagen, wenn man sich auf den Wort- und Wesenskern des Konservativen dabei bezieht. Es geht um das Bewahren. Es geht auch um die Schönheit von Tradition und Altem. Ein junges Mädchen kommt zu entfernten Verwandten in Tokio, die ein altes Badehaus betreiben und arbeitet dort, vertreibt ihre Zeit, etwas schwelgerisch und planlos. So verhält sich auch der Film; ein durch und durch novellesker, epischer Film, der die Teilhabe am Schönen, außerhalb großer dramatischer Zugeständnisse zu seiner Attraktion macht, bis es dann, ja, irgendwann vorbei ist.

010. „Promising Young Woman“ (Emerald Fenell, 2020)

Kann schon sein, dass „Promising Young Woman“ ein Konfekt-Film ist, der nur einmal so gut funktioniert wie eben beim ersten Mal. Ein Twist-Film, ein Einweg-Film, vielleicht, Aber dieses erste Mal hat es eben in sich. „Promising Young Woman“ ist wie ein süß-saures Candy, in dem noch einige unvorhersehbare Geschmacksrichtungen und fiese Knistereffekte zum Vorschein kommen. Eine Mutprobe, aber im Endeffekt kann man den Hersteller nicht einmal auf Körperverletzung anklagen, denn die eigentliche Genialität in Emerald Fennells Debütfilm ist es, gleichzeitig Rache-Thriller als auch radikal ethisch zu sein. Gewaltexzesse finden nur in unserem Kopf statt und sagen damit mehr über uns aus als über den Film selbst. Wie patriarchal sind unsere Gedanken?

009. „Pieces Of A Woman“ (Kornél Mundruzcó, 2020)

Ich mag das Kino als Möglichkeit tiefgreifender Psychogramme, die die Differenz zwischen menschlichen Erfahrungshorizonten einzureißen vermag. „Pieces Of A Woman“ setzt sich mit dem Trauma einer Totgeburt auseinander, vielmehr aber eigentlich damit, dass dem Muttersein gesellschaftliche Erwartungen unterliegen, die selbst noch die eigene Trauerarbeit einschließt, sodass das eigene Trauern nicht ganz ein eigenes sein darf, sondern immer auch gesellschaftlichen Erwartungen folgeleisten muss. Diese komplexe Beobachtung verkörpert die bis dato halbwegs unbekannte Vanessa Kirby mit einer grandiosen Schauspielleistung.

008. „Collective“ (Alexander Nanau, 2019)

Es klingt wohl nicht wahnsinnig aufregend, wenn man den Film pitcht: „Collective“ handelt von einem Krankenhausskandal in Rumänien und die tiefgreifende Korruption auf politischer Ebene, die sich um diesen Fall spannt. Umsoo beeindruckender ist ja, wie unglaublich mitreißend spannend dieser Dokumentarfilm ist, der durch ein spektakuläres Editing so hervorragend getimt und so thematisch so übersichtlich wie ein Polit-Drama daherkommt. Eine kleine Sensation.

007. „Possessor“ (Brandon Cronenberg, 2020)

Ein brillant inszenierter Genre-Film ist Brandon Cronenbergs auf der einen Hand, auf der anderen ein intellektueller Film, dessen philosophisch-allegorisches Potenzial vielleicht noch gar nicht erschöpfend auszumal ist, denn er berührt zentrale Diskurse der Zukunft: das Subjekt als Schlachtfeld in Zeiten seiner technologischen Erreichbarkeit.

006. „Vortex“ (Gaspar Noé, 2021)

Gaspar Noé, dessen Filme zuletzt eher noch jugendlicher und naiver zu werden schienen, hatte laut einem Interview vor nicht allzulanger Zeit eine Nahtoderfahrung, die mit seinem Drogenkonsum in Verbindung stand. Seitdem gilt er nach eigener Aussage als clean (wirkt aber immer noch sehr sehr durchgeknallt, wenn man ihn persönlich trifft). Irgendwie ist es eine schöne Pointe, dass er mit „Vortex“ einen geradezu altersweisen Film über Alzheimer gedreht hat. Ein Film, der sehr persönlich ist, seiner Mutter gewidmet ist, aber ein bisschen wohl auch sich selbst und seiner eigenen Angst vor Tod und Umnachtung. Mit zwei seiner Idolen, Dario Argento und Francoise Lebrun, in ihren vielleicht letzten Rollen inszeniert, erinnert nicht nur das reine Konzept an Hanekes „Amour“, sondern auch dessen Qualität. Ein ganz anderer Noé-Film und ein Meisterwerk.

005. „Drive My Car“ (Ryusuke Hamaguchi, 2021)

Eigentlich ist „Drive My Car“ nur so etwas wie das eingelöste Versprechen, zu was japanisches Kino in der Lage ist, wenn es seine ureigene (schon viel hier beschworene) Eigentümlichkeit und erzählerische Verweigerung des stadandardisierten Plotgehangel auf die häufig etwas abfallende handwerkliche Formvollendung treffen lässt. Hamaguchis Film ist vielleicht mehr noch Tschechow-, als Murakami-Adaption, völlig losgelöst von einer bogenförmigen Dramaturgie konzentriert es sich auch Situationen, Figuren, Motive, manchmal gar ein Schweigen im Auto und erzeugt Denkräume rein durch inszenatorische Brillanz des Gegenwärtigen.

004. „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ (Dominik Graf, 2021)

Dominik Grafs vielleicht größter Film ist eine Kritik an dem deutschen Geschichtsfilm. Irgendwie ganz anders, aber irgendwie auch ein bisschen wie „Oh Boy!“ verfolgen wir auch in „Fabian“ Tom Schilling durch ein Wimmelbild von Berlin, bevölkert von schrulligen Figuren und prosaischen Momenten, kurzen oder langen Einbrüchen des Real(istisch)en. Graf weiß genau, wie viel wert das Unnötige und scheinbar Redundante hat. Sein Film atmet und erweckt einen Geist, der so viel mehr über den Zeitkolorit der Kästnervorlage verrät als eine möchtegerngenaue Historienverfilmung standardisierter Bauart.

003. „What Do We See When We Look At The Sky?“ (Alexandre Koberidze, 2021)

Alexandre Koberidzes „What Do We See When We Look At The Sky?“ ist der Ausdruck an naiver Lebensfreude, Lust am Erzählen, am teilweise auch etwas albernen Wagnis der Einfachheit und des offenkundigen Fan-tums für die eigenen Figuren, die eigene kleine georgische Heimatststadt und, ja, … Fußball. Dabei gelingt Koberidze eine der originärsten Formspiele kinematografischer Poiesis zwischen Erzähltheorie und Filmgedicht. Liebenswürdig, komisch und wunderschön.

002. „Beginning“ (Dea Kulumbegashvili, 2020)

In den erschöpften Augen der Hauptdarstellerin Ia Sukhitashvili, die nicht selten an die Mutter-Figur aus Tarkovskys „The Mirror“ erinnern, zeichnet sich dieselbe Mischung aus Schönheit und Leid, wie sie die hochtalentierte Dea Kulumbegashvili in ihrem meisterhaften Debüt in so vielen verschiedenen Szenen paraphrasieren wird. Dabei bleibt „Beginning“ wenig diskursiv, kaum begleitet von erklärerischen Kontexten bleibt dieses Werk immer in der Energie einer zeitlosen, ja metaphysischen Sphäre.

001. „The August Virgin“ (Jonás Trueba, 2019)

Über das Erbe Eric Rohmers wurde schon viel geschrieben und die Cahiers du Cinéma scheint es mehr oder weniger komplett dem charmanten Kino Guillaume Bracs zuzuschlagen zu wollen, wenn man jedenfalls deren Jahresbestenlisten Bedeutung beimessen will. Hier kommt mein spanischer Einspruch! Jonás Trueba, ein noch wahnsinnig junger Filmemacher und leidenschaftlicher Chronist des gegenwärtigen Madrids, arbeitet ähnlich wie Brac in Anschluss an Rohmer mit kleinen alltäglichen Begegnungen und Beobachtungen, memorablen Figuren und überspezifischen Ausdrücken von Stimmungen. Im Fall von „The August Virgin“ geht es um das Über-den-Sommer-in-der-Stadt-bleiben und damit in einem größeren Zusammenhang auch um das Verpassen und Erfassen von Gelegenheiten und dem Gefühl, einen großen, vielleicht sogar entscheidenden Teil des Lebens bereits hinter sich gelassen zu haben. Anders als Brac kann Trueba auch das Große zielsicher im Kleinen miterzählen. In kleinen Blicken und Gesten vollzieht sich ein Universum einer ganz bestimmten Stimmung, einer warmen, süßen, lebensbejainenden Schwermut.

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