Promising Young Woman (mediumshot)


Invertierter Rape’n’Revenge oder: Rache mit Mitteln der Aufklärung.

Originaltitel: Promising Young Woman
Produktionsland: USA, Großbritannien
Veröffentlichungsjahr: 2020
Regie: Emerald Fennell
Drehbuch: Emerald Fennell
Bildgestaltung: Benjamin Kracun
Produktion: Margot Robbie, Tom Ackerly, Josey McNamara, Ben Browning, Ashley Fox, Emerald Fennell
Montage: Frédéric Thoraval
Darsteller: Carey Mulligan, Bo Burnham, Jennifer Coolidge, Laverne Cox, Clancy Brown, Christopher Mintz-Plasse, Molly Shannon u.A.
Laufzeit: 114 Minuten

Cassie ist eine vielversprechende junge Medizinstudentin, bis der Selbstmord ihrer besten Freundin Nina eines Tages ihr Leben aus dem Gleichgewicht bringt. Sie bricht ihr Studium ab, sucht sich einen Job in einem Café und zieht wieder bei ihren Eltern ein. Nachts führt Cassie jetzt ein Doppelleben: Ungefähr einmal die Woche geht sie aus und tut so, als ob sie betrunken ist. Wenn sie dann an Männer gerät, die die scheinbar hilflose Frau sexuell ausnutzen wollen, erteilt sie ihnen eine Lehre, die die Männer so schnell nicht vergessen werden. Als sie Ryan, einem früheren Studienkameraden und jetzigen Kinderarzt, begegnet, kommt sie wieder in Kontakt zu alten Bekannten, die ihren Anteil am Schicksal von Nina hatten. Ryan ist außerdem seit langem verliebt in Cassie und bringt sie mit seinen Avancen, die nicht zu ihren Plänen passen, aus dem Konzept.
Quelle: de.wikipedia.org

Replik:

Wenn ein Genre sich dafür eignet, als Vehikel faschistoider Haltung zu dienen, ist es wohl das Rape’n’Revenge-Genre. Am Anfang steht ein empörungswürdig geschändetes Opfer und ein dazugehöriger Täter, der häufig repräsentativ für eine tatsächliche Bevölkerungsgruppe steht.1 Potenziell faschistoid ist das Genre darüber hinaus vor allem deswegen, weil das Narrativ der blutigen Selbstjustiz häufig eng mit dem Genre verbandelt ist und somit genuin unrechtstaatliche bis gewaltverherrlichende Schicksale innerhalb der Racheerzählung legitimiert. Mit dem Alibi, es hier ja mit einem (herfabulierten) Monstrums zu tun, werden schonungslos Gewaltfantasien ausgelebt. Potenziell faschistoid ist das Genre auch vor allem deswegen, da das es zu einer stilistischen Überhöhung einer charismatischen Hauptfigur neigt, die gezielt die kritische Distanz zwischen Publikum und Tat des Protagonisten herabsetzt.2 Umso publikumswirksamer, desto mehr funktioniert ein solcher Film als politische Agitation, um nicht zu sagen: als Propaganda. Was hat das Ganze jetzt aber mit Emerald Fennells umjubelten Debütfilm „Promising Young Woman“ zu tun? Nun, als #metoo-Rachethriller etikettiert — verortet buchstäblich im Rape-Diskurs — war meine Sorge im Vorfeld natürlich groß, hier einen Film unverhältnismäßiger, unethischer Rachegelüste unter dem gefährlichen Sugarcoat des Unterhaltungsfilms vorzufinden. Letztendlich könnte diese Vorannahme aber falscher nicht sein. Mehr noch: Fennells Film speist sich geradezu aus den (patricharchalen?) Zuschauererwartungen an das Rache-Genre und wendet diese provokativ um. Fennells Film ist ein invertierter Rape’n’Revenge-Film. Ein Film, der keineswegs besserwisserisch ist, sondern es tatsächlich besser weiß. Eine aufklärerische Genre-Dekonstruktion, Mainstreamspektakel und diskursives Husarenstück gleichermaßen.

Schocktherapie

Cassandra, gespielt von Carey Mulligan, ist auf Rache aus. Ihre beste Freundin Nina hat sich das Leben nach einer Massenvergewaltigung auf einem Studentenwohnheimzimmer genommen. Wie aus vielen Genre-Filmen bekannt, lockt die Rächerin bereits in der Exposition eine ahnungslose Masse an Opfern in ihre Falle, um sich an ihnen zu vergehen. Cassandra wartet einen Moment ab, in dem sie vermeintlich unzurechnungsfähig ist und die männlichen Täter sich an ihrem Körper vergehen könnten. Sie stellt den schmierigen Vertretern des Patriarchats eine Falle. Dann richtet sie sich auf, unheimlich-mechanisch, stark, wie eine Figur aus einem Horrorfilm und …… stellt den potenziellen Vergewaltiger zur Rede. Ihre Waffe ist die Belehrung, wenn auch zunächst unklar bleibt, ob sie den Mann anschließend noch töten, foltern oder verstummeln wird. Immer wieder erregt Fennell Erwartungen in diese Richtungen. Symbole aus den entsprechendem Genre-Kino, ganze Plotpoints, werden hierfür entwendet und unterlaufen. Genüsslich isst Cassandra einen Hotdog, der rote Ketchup fließt ihren Mund hinab, eine Kopfliste wird nach und nach abgearbeitet. Wie weit wird dieser Film gehen?3

Menschenskinder

Dass genau diese Erwartungshaltung des Gewaltausbruchs immer wieder aufgestellt, gebrochen, neu aufgestellt und wieder anders gebrochen wird, ist die große dramatische Sensation hinter diesem Film, der zu 100% nach klassischer Drei-Akt-Struktur aufgebaut ist. So klassisch sogar, dass er sich geradezu darüber lustig zu machen scheint. Ein Love-Subplot mit einem wunderbar liebenswerten jungen Mann namens Ryan, gespielt von Bo Burnham, dient als Konterprogramm zum Rachefeldzug gegen das männliche Geschlecht. Aber auch diese auf den ersten Blick naive Setzung wird mehrmals gebrochen. Am Ende kommentiert der Film sehr stark, wie komplex männliches Selbstverständnis in Schuldfragen verstrickt ist, ohne sich einem leisen optimistischen Ausblick darauf zu bewahren, wie es mit dem verunsicherten Selbstverständnis des Mannes weitergehen soll. Großen Respekt gebührt Frau Fennell darüberhinaus noch dafür, dass es ihr tatsächlich gelingt, männliches Verhalten nicht zum Abschuss freizugeben. Ihre Männerbilder sind gut beobachtet; keineswegs das monströse Andere, sondern tief in Machtmechanismen und Stereotype verlorene Seelen. Die Brutalität ihrer Handlung weist Fennell immerzu als strukturelle Phänomene aus. In zwei zentralen Szenen lässt uns der Film sogar ganz allein unter Männern. Dass diese filmischen Gesten nicht zum reinen Zurschaustellen patriarchaler Dummheit gerinnen, liegt an einer talentierten Inszenierung Fennells, die sich selbst in den Momente größter männlicher Unfähigkeit noch für ihre Menschlichkeit interessiert.

Trojanische Fährten

Dieses Schäfchen im Wolfspelz von einem Film ist so etwas wie die Wiederholung der Urgeschichte menschlicher Rache als Farce. Das Commitment mit der Zuschauerschaft, Genre-Film zu sein, braucht „Promising Young Woman“ dabei, um zu funktionieren. Ein Film, der eine Medienkenntnis voraussetzt, sie vermeintlich bedient, nur um sie schließlich zu unterlaufen und somit zu kommentieren. In dieser Hinsicht steht Fennell in der Tradition von „trojanischen Filmen“ wie „Funny Games“, „Spring Breakers“ oder den autoritarismuskritischen Filmen von Paul Verhoeven. Er braucht seine eigene Pseudo-Genre-Zugehörigkeit auch deswegen, um als politischer Film funktional zu sein, nämlich: ein Film der Massen zu sein. Wenngleich er mit der twistorientierten Einwegdramaturgie auch eher ein trojanisches One-Trick-Pony sein mag, ist er durch seinen Warencharakter auch umso politisch wirksamer. Politisches Kino verliert sein Potenzial schließlich sobald er für eine ohnehin aufgeklärte Zielgruppe produziert ist und/oder in verkomplizierter filmischer Grammatik mehr sich künstlerisch selbst genügen will, als wirklich zu kommunizieren. In dieser Hinsicht ist „Promising Young Woman“ — als Film, der durch provozierte Gewaltvorstellungen ein breites (und eben auch bildungsfernes, machoides, nicht-urbanes usw. Publikum) adressiert — ein viel politischerer Film als das überragende Gros an Filmen, die sich als solche bezeichnen würden. Ein Genre als Folie auf linksgezogen, ein Genre mit eigenen Mitteln geschlagen.

83%

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  1. z.B. Pädophile, vgl. „7 Days“ (Daniel Grou, 2010) []
  2. Weswegen gerade der moderne Superheldenfilm eine wachsame Ideologiekritik verdient. []
  3. Der Diskurs um körperliche Selbstbestimmung (#nomeansno, #metoo) ist einer der zentralen und am hitzigsten geführten in den Emanzipationskämpfen unserer Zeit. Die Frage nach Freiwilligkeit einer sexuellen Handlung ist komplex. Insbesondere in Zeiten immer flüchtiger werdender Sexualkontakte ist das sexuelle Sprachspiel häufigen Missverständnissen unterlegen. Insbesondere dann, wenn die Deutungshoheit über das Gemeinte nur noch dem Empfänger beigemessen wird. Eine denotative Vereindeutlichung, in der es etwa eine ausdrückliche Einwilligungserklärung zum Sex (teilweise sogar vertraglich) eingefordert wird, steht in einem krassen Gegensatz bestimmter Eigenschaften eines sexuellen Sprachspiels, samt kultureller Einschreibungen, das mit Widersprüchen, situativen Rollenspielereien etc. arbeitet, um in einen Zustand der Erregung zu gelangen (der per se außerhalb denotativer Sprachspiele liegen muss). Dieser Diskurs — der inmitten eines Kulturkampfs um Regulierung der Sprache und Wertigkeit subjektiver, nicht nachweisbarer Urteile gelegen ist — lässt sich nicht ausnahmslos immer zu Gunsten der anklagenden Person auslegen. Es sind zumindest Fälle überliefert, von denen bis heute keine Schuld der angeklagten Person nachweisbar ist und die juristisch daher längst ad acta gelegt sind, die aber auf einer symbolischen Ebene nichtsdestotrotz verheerend für den vermeintlich Schuldigen abliefen, da der eigene Name, obwohl juristisch längst entlastet, für immer im Zusammenhang mit einer Vergewaltigung fallen (und googlebar sein) wird. Das ist wohl die extremste Form symbolischer Gewalt, die mit dem Begriff Cancel Culture kritisiert wird. Ein Film, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt, hat neben der Frage nach einer physischen Selbstjustiz auch eine Verantwortung gegenüber einer symbolischen. Aber auch als unverhältnismäßige Agition symbolischer Gewalt lässt sich Fennells Film in meinen Augen nicht ausmachen. Im Gegenteil. Der Film nimmt einen sehr extremen Fall sexueller Gewalt als Rache-Grund an, der zwar fiktiv, aber nicht unrealistisch ist. Die Rache der Hauptfigur Cassandra ist aber auch kein Weg der öffentlichen (symbolischen) Gewalt. Ihre Rache verläuft geradezu diskret, präzise wie ein Skalpell, im Stile eben einer Horrorfigur, eines Racheengels. Sie verfolgt immer die Absicht, eine Umkehrung im Täter selbst durch Erkenntnisgewinn zu erwirken. Keineswegs macht sich „Promising Young Woman“ einer politischen Agitation schuldig, etwa dazu aufzurufen, gezielt Situationen von Übergriffigkeit zu provozieren, sie möglichst kleinlich auszulegen und sie fortan mit dem Höchstmaß an symbolischer Wut, öffentlicher Macht und völliger Empathielosigkeit gegenüber der vermeintlichen Täterschaft auszuleben. Als Effekt einer neuen (wenn auch noch fragilen) Machtinstanz birgt sie auch immer das Potenzial zu dessen Missbrauch. Insbesondere dann, wenn sie als vermarktbarer, popkultureller Trend auftritt, was in Zeiten von Twitter-Popfeminismus keine unberechtigte Sorge ist. Zu einem solchen unverantwortlichem Umgang verführt Fennell, das möchte ich noch einmal betonen, ebensowenig wie zu realer Gewalt (die ja ohnehin nur Metapher für symbolische Gewalt wäre) []

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