LITTLE JOE (mediumshot)

Diskursgewächse. Reproduktion und Fortpflanzung.

Originaltitel: Little Joe
Alternativtitel: Little Joe – Glück ist ein Geschäft
Produktionsland: Österreich, Großbritannien, Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2019
Regie: Jessica Hausner
Drehbuch: Géraldine Bajard, Jessica Hausner
Bildgestaltung: Martin Gschlacht
Produktion: Philippe Bober, Bertrand Faivre, Martin Gschlacht, Jessica Hausner, Gerardine O’Flynn, Bruno Wagner
Montage: Karina Ressler
Darsteller: Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox, David Wilmot, Leanne Best, Lindsay Duncan, Sebastian Hülk
Laufzeit: 106 Minuten

Die alleinerziehende Mutter Alice Woodard arbeitet als Pflanzenzüchterin bei Planthouse Biotechnologies, einem Unternehmen, das sich mit der Entwicklung neuer Arten beschäftigt. Sie hat eine ganz besondere purpurrote Blume gezüchtet, die sie „Little Joe“ nennen und die sich nicht nur durch ihre Schönheit, sondern auch durch ihren therapeutischen Wert auszeichnet. Sie wurde für einen ganz besonderen Zweck entwickelt, denn sie soll Menschen glücklicher machen. Ihr Duft löst die Freisetzung von Oxytocin aus, was wiederum zu einem allgemeinen Wohlbefinden führt. Wenn sie bei der idealen Temperatur gehalten und richtig ernährt wird und man regelmäßig mit ihr redet, macht diese ihren Besitzer glücklich. Entgegen der Firmenpolitik nimmt Alice eine dieser Pflanzen als Geschenk für ihren Sohn Joe mit nach Hause. Doch mit dem Wachstum der Pflanze wächst auch Alices Verdacht, dass ihre neuen Kreationen möglicherweise nicht so harmlos sind wie geglaubt.
Als die gentechnisch manipulierte Pflanze ihre Samen ausstreut, ruft sie damit unheimliche Veränderungen bei Mensch und Tier hervor. Die Befallenen wirken fremd und wie ausgewechselt, vor allem für die, die ihnen nahestehen
Quelle: de.wikipedia.org

Replik:

Es war sicherlich eine interessante Wahl von Jessica Hausner für ihr englischsprachiges Debüt ausgerechnet ein Remake von „Invasion Of The Body Snatchers“ (1956) bzw. wiederum dessen Remake (1978) auszusuchen. In „Little Joe“ züchtet die Forscherin Alice Woodard eine glücksspendende Blume bis ihr Experiment aus den Fugen geraten droht, weil die Pflanze die Gehirne von Menschen mit einem Virus zu infizieren scheint. Viel steckt in diesem Film drin. Soviel, dass insbesondere die Frage aufkommt, was war eigentlich das Hauptanliegen von Hausners intellektueller Konzeption bzw. Rekonzeption des amerikanischen Klassikers? Die Glücksindustrie bzw. Kommerzialisierung von Emotion? Das Verhältnis von Eltern und Kindern? Allgemeiner: (und in Zeiten von Corona natürlich relevant) virale Verbreitung eines neuartigen biologischen Phänomens? Die menschliche Forschung und ihre Hybris? Als ich den Film gesehen habe, kam mir noch eine ganz andere – meines Erachtens bisher völlig außer Acht gelassene – Lesart, die ich im Folgenden erläutern möchte, weil ich sie entlang des Films für mustergültig funktional und ohnehin hochaktuell finde: die Frage nach der Macht des Diskurses.

Dramatische Funktionsweise

„Little Joe“ bewegt sich sehr bewusst auf den erzählmechanischen Schienen von Horrorfilmen (wie eben „Invasion Of The Body Snatchers“ einer ist). Also, es gibt das Moment des Suspense, dass der Zuschauer mehr weiß als die Figuren. Die Kamera verrät uns mit sneaky Zooms, das etwas mit der Pflanze nicht stimmt. Der Score treibt mit Percussions und anderen entweltlichenden Ton-Collagen uns ins Gewissen, dass wir hier auf ein Unheil zusteuern. Und typisch für ein Contagious Horror wird eine Figur nach der anderen auf die Seite des „Bösen“ gezogen. Soweit so klassisch. Allerdings zerdehnt Hausner diese Dramaturgie absichtlich. Es gibt kaum Momente von Zuspitzung oder eines Schlag-auf-Schlags. Für viele mag die Frage, ob die Pflanze nun wirklich contagious ist oder nicht schon sehr früh beantwortet sein und Hausner kreist darum dann nur noch mit einer epischen Gelassenheit, die sich auch in ihren perfekt kadrierten Bildern spiegelt, wie man sie auch aus früheren Werken kennt. Diese Unentschlossenheit zwischen Drama und Genre-Film kann man als Schwäche betrachten. Nicht wenige Rezipienten haben dem Film genau das vorgeworfen. Ich meine, es ist eine bewusste und sehr gut beherrschte Strategie. Jedenfalls erweist es sich dann als eine erfolgreiche Strategie, wenn man den Film auf das Motiv hin analysiert, das ich als maßgeblich für die Geschichte erachte.

Allegorie der Diskursmacht

Wofür steht „Little Joe“ allegorisch? Auffällig ist: Ein Infizierter verhält sich rational und logisch. In der Suspendierung des Irrationalen damit auch außer-weltlich und damit verdächtig. Der Film zeigt z.B. einen Ehemann, der erschrocken ist, dass seine Ehefrau jetzt so nett zu ihm ist und nicht mehr mit ihm streitet, wie sie es früher getan hat. Also das menschlich-eigene Irrationale ist verschwunden und damit ein nicht unwesentlicher Teil dessen, was wir brauchen, um einen Menschen als Menschen zu erkennen. Hier deckt dich Hausner noch ziemlich stark mit dem Original. Im Original war es auch ein seelenloses Verhalten, das die Infizierten zeichnete. Und es war (so zumindest eine naheliegende Interpretation) eben die Idee einer außerirdischen Intelligenz, wie Menschen sich wohl verhalten würden. Ein auffälliger Unterschied zwischen Original und „Little Joe“ ist aber, dass die Figuren sich hier permanent erklären. Sie sind aktiv darum bemüht, Zweifel an ihrer „Unechtheit“ auszuräumen, indem sie auf einer intellektuellen Ebene argumentieren. Es werden Dinge gesagt wie „Ach, komm schon. Eine Pflanze mutiert und die Pollen infizieren und verändern das Gehirn? Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“ Mehr noch. Die Infizierten sind zu Humor fähig, sie sind zu Reflexion fähig. Die Frage stellt sich hier auf – und wird sehr lange bewusst am Leben gehalten: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen „normal“ und „unnormal“ und: bin ich vielleicht selbst unnormal? Im Gegensatz zum Original hat das Verhalten der Menschen in „Little Joe“ auch nichts notwendig Seelenloses (abgesehen vielleicht von dem asiatischen Mädchen); der Akzent liegt eher darauf, dass die Menschen sich eben anders verhalten als zuvor. Auch das ist ein Verweis darauf, worum es dem Film eigentlich geht. Wir alle haben die Erfahrung gemacht, dass wir einen früher gut gekannten Menschen kaum wieder erkennen können, einfach, weil er mittlerweile ein völlig anderes Mindset hat. Durch andere Anschauungen und Lebenskonzepte geprägt ist und damit (manchmal ziemlich plötzlich) völlig fremd erscheint. Diese Angst wird in „Little Joe“ verarbeitet. Es ist eigentlich die Angst, (einen) Menschen an ein Denken zu verlieren, dem wir nicht anhängen wollen.

Ein Denken, wie es in die Welt kommt

Damit ist „Little Joe“ die (nahezu) perfekte Versinnlichung von Diskurstheorie. Ein Thema, so theoretisch und komplex, dass es eigentlich kaum in einem Film zu versinnlichen ist. Das Gewächs Little Joe ist eine Blume, die sterilisiert wurde, sie sich selbst nicht fortpflanzen kann, aber – wie es sich herausstellt – dadurch schützen sucht, dass sie Menschen auf „ihre Seite zieht“, an die Idee* von Little Joe glauben lässt. Was hier ansteckend ist, ist nichts Geringeres als ein Denken, wie es in die Welt kommt. (Und dieses Denken kann meinetwegen die Kommerzialisierung von „Glück“ oder die Anwendung von „Antidepressiva“ sein, aber der tiefste Punkt des Films ist nicht das Denken an sich, sondern die Bewegung dieses Denkens). Es ist völlig egal, was es für ein Denken ist. Aber es geht dem Denken immer um seine Reproduktion. Und ein Denken kann sich nur stabilisieren und reproduzieren, indem es sich selbst argumentiert und damit möglichst viele „Mitstreiter“ auf seine Seite ziehen kann. Es hat eine ureigene Tendenz darin, nicht-anschlussfähige bzw. diametrales Denken zu eliminieren. Und das passiert diskursiv letztlich immer persuasiv. Zumeist sprachlich, rhetorisch. Manchmal aber auch auf einer anderen Ebene performativ. Und in seltenen – da am sichtbarsten und damit am angreifbarsten – auch durch physische Gewalt. Alle diese Momente sind in „Little Joe“ abgebildet und das auch in genau diesen Proportionen. Meistens versuchen die Infizierten logisch, sachlich ihr Denken zu argumentieren. Das ist der unscheinbarste und damit effektivste Machteffekt. Manchmal performieren sie auch außersprachlich, wenn sie z.B. über den Gegner lachen (ausgrenzen). Selten ergreifen sie aktive „politische Maßnahmen“, wie z.B. das Einsperren in der Little-Joe-Gewächskammer oder sogar im späteren Fall eine aktive Gewalthandlung. Letztendlich ist einem Denken immer ein Machteffekt zugrundeliegend. Die Tendenz eines Denkens, sich selbst zu erhalten, ist hier wortwörtlich zu nehmen, gekoppelt an die biologische Metapher der Fortpflanzung.

*Das Wort „Idee“ist hier (und im Folgenden) nicht im Sinne der Platonschen Ideenlehre gemeint, sondern eher im Sinne von „Konzept“ oder „Denken“, also als beliebig große Einheit innerhalb eines Diskurses. Ich bin dankbar, wenn mir jemand vielleicht ein passenderes Wort hierfür vorschlägt

Anti-Bodyhorror als perfekte Form

Was bleibt ist noch die Frage nach der Materialität. Little Joe ist eine Pflanze. Sie ist nicht nur materiell, sondern sogar organisch. Und selbst ihre „Fortpflanzung“ basiert auf Pollen, auf organischer Materie. Gut und gerne hätte die Metapher für diskursive Macht auch eine künstliche Intelligenz* sein können. Das gab es im Kino zwar so oder so ähnlich schon ein paar Mal, aber bei der Genauigkeit wie diskursive Macht und ihre „Fortpflanzung“ (vgl. Reproduktion) hier dargestellt sind, wäre das in meinen Augen immer noch etwas Neues gewesen. Mit einer Pflanze als Metapher liefert Hausner hier jedenfalls (freiwillig oder unfreiwillig) die Position mit, diskursive Macht sei immer auch materiell. Per se. Nicht nur ihre Träger, nicht nur ihre (Macht)Effekte (vgl. Foucault, Butler) sondern der Sprechakt, bzw. das Denken an sich. Vielleicht wurde aber auch deshalb eine Blume als Symbol gewählt, weil in einem „Vakuum-Modell“, in der zwei sich gegenseitig ausschließende Ideen in einem völlig ausgeglichenem Machtverhältnis gegenüberstehen würden, die denotative (Sprachspiel-)Frage nach wahr oder falsch letztlich eine rein ästhetische wäre. Es gibt keine objektive Wahrheit. Ich kann die Welt mit sozialer Gerechtigkeit oder gestaffelt in Ständegesellschaften ästhetischer finden. Ich kann die Welt mit zwei oder mit mehreren biologischen Geschlechtern ästhetischer finden. Ich kann die Welt in Frieden oder im Krieg ästhetischer finden. Ich kann eine Welt mit oder ohne massenhaften Einsatz von Antidepressiva ästhetischer** finden. Ich kann eine rote oder eine blaue Blume ästhetischer finden (und damit die Ideen, die sich mit diesen verbinden).***

Der Außenstehende, der mit seinem Denken nicht Teil des hegemonialen Machtfeldes ist, sondern als defizitär, als „unwissend“, „falsch“, „fehlgeleitet“, whatsoever betrachtet wird, ist nahezu machtlos, etwas an dieser Situation zu ändern. Wenn das gegenübergesetzte Denken das eigene Denken ausschließt, aber in sich logisch und schlüssig ist. Das ist bei den Infizierten in „Little Joe“ zweifellos der Fall. Und auch das eigene Denken ist kaum vor dem Einfluss der Diskursmacht gefeit, weil die opponierenden Machteffekte noch darauf abzielen, die eigene Denkposition in Zweifel zu ziehen. Wer ist hier unnormal? Sind es wirklich die anderen, die fehlgehen? Oder bin ich es? Hausner inszeniert diese Abhandlung folgerichtig als einen Horrorfilm. Einen zerdehnten, undramatischen Anti-Bodyhorror, der in seinen handwerklich formidablen Kreisbewegungen bewusst Zeit und Raum für Reflexion lässt.

80%

*natürlich ist künstliche Intelligenz irgendwo auch materiell, aber im Falle einer Metapher doch abstrakt genug, um die zwangsläufig materialistische Lesart nicht derart nahezulegen wie es eben eine Pflanze tut
** „ästhetisch“ lässt sich hier wahlweise durch „moralisch“ ersetzen, aber was „moralisch“ oder nicht ist, unterliegt in seiner Beurteilung auch bereits einem Machteffekt.
***natürlich lässt sich auch nicht final klären, ob nicht auch ästhetisches Empfinden notwendiger und vollständiger Weise einem Machteffekt folgt. Ästhetik ist jedenfalls einmal die Annahme, dass es das „unmittelbare Übergehen von Formen und Gefühle“ und damit etwa für Jean-François Lyotard sogar ein ontologischer Beweis für das Sein selbst ist. Die Annahme, Ästhetik wäre ein reiner Effekt von Macht, würde Ästhetik insofern negieren.

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