
Last des Gebens und Nehmens. Eine Poesie über die Liebe.
Originaltitel: The Duke Of Burgundy
Produktionsland: Großbritannien
Veröffentlichungsjahr: 2014
Regie: Peter Strickland
Drehbuch: Peter Strickland
Produktion: Andy Starke
Kamera: Nic Knowland
Montage: Mátyás Fekete
Musik: Cat’s Eyes
Darsteller: Sidse Babett Knudsen, Chiara D’Anna
Laufzeit: 101 Minuten
Die wohlhabende Amateur-Schmetterlingsforscherin Cynthia (Sidse Babett Knudsen) testet mit ihren sexuellen Vorlieben die Toleranzgrenzen ihrer neuen Haushälterin und Liebhaberin Evelyn (Chiara D’Anna) aus. Ihre Beziehung ist von Dominanz, Macht und Bestrafungsritualen geprägt. Dann wächst allmählich Cynthias Sehnsucht nach einer konventionelleren Beziehung, doch Evelyns Obsession hat sich inzwischen zu einer Art Sucht entwickelt, wodurch sich die angespannte Situation zusehends zuspitzt.
Quelle: moviepilot.de
Replik:
Aus verschiedenen Ecken ereilte mich der Hinweis, dass „The Duke Of Burgundy“, ein Film von dem ich bisher noch gar nichts gehört hatte, wohl für viele der beste Film des Jahres 2015 sein sollte. Tatsächlich lässt sich der Film von Newcomer Peter Strickland als ein Geheimtipp betrachten. Ein sinnliches Filmgedicht, das sich gleichermaßen auch als Reflexion über das Geben und Nehmen der Liebe lesen lässt.

Sadomasochismus als trending topic
Das Thema Sadomasochismus ist — warum auch immer — zurzeit diskursiv sehr präsent in der Popkultur. „Fifty Shades Of Grey“ machte daraus eine völlig verdrehte Rechtfertigung für erzkonservative Werte, Lars von Triers „Nymphomaniac“ nutzte das Thema eher nur als Aufhänger, um unterhaltsam-publikumswirksam über Liebe und Sex samt ihrer Trennlinien zu philosophieren. „The Duke Of Burgundy“ nun ist ein Film, der dieses Thema auf eine homosexuelle Ebene verlagert, aber ebensowenig wie „Nymphomaniac“ (mangels Interesse) oder „Fifty Shades Of Grey“ (mangels Qualität) von Sadomasochismus als Themenkomplex per se erzählen will. Explizite Sexszenen sind in „The Duke Of Burgundy“ Mangelware, auch nackte Haut sollte man sich als Zuschauer nicht allzu zahlreich erhoffen. Entgegen eines „Fifty Shades Of Grey“ ist dieser Film aber nicht prüde oder feige im Nichtzeigen, obwohl er eigentlich eine ähnliche Strategie benutzt wie der Film von Sam Taylor-Johnson, mit dem Unterschied, dass er diese beherrscht. Es geht hier darum, Emotionen zu visualisieren.
Postproduktionskunst
Es ist ein Film, der über seine Bildsprache funktioniert und der nur als erzählerisch gelungen zu begreifen ist, wenn man sich auf seinen Stil einlassen kann und ihn als Teil der Narration akzeptiert. Die Farbkorrekturprogramme dürften auf Hochtouren gelaufen sein, um den Film seinen braun-dunkelgrünen, altmodisch-pittoresken Look zu verleihen. Generell ist das ein Film, der in der Postproduktion entstanden ist. Viel funktioniert hier über Schnittrhythmus und sogar über CGI-Effekte. „The Duke Of Burgundy“ ist ein Kunstwerk, jedoch deutet er bereits einen schmalen Grat an, auf den Regisseur Peter Strickland entlangwandert, sollte er nach diesem Film einen zweiten Film mit ähnlichem ästhetischen Konzept anpeilen. Denn so sehr wie „The Duke Of Burgundy“ auch optisch-auditives Gemälde ist, so sehr ist der Film auch nur gelungen, weil er mit seinem Konzept etwas ausdrücken kann und (noch) keine Kunst der Kunst wegen verbricht.

Sadomasochismus als extremisierte Liebe
„The Duke Of Burgundy“ erzählt nämlich von der Komplexität der Liebe, anhand einer reduzierten Handlung, einer Kurzgeschichte nicht unähnlich. Zwei Frauen praktizieren eine lesbisch-sadomasochistische Beziehung (der Film tut gut daran, nicht noch Vor- oder Nachgeschichte auszubreiten oder es historisch-kulturell wertend einzuordnen). Dieser spezielle Fall funktioniert hier als ein induktiver Schluss, also der Schlussfolgerung vom Speziellen zum Allgemeinen. Der Sadomasochismus ist eine in zwei Extreme überhöhte, allgemeine Liebesbeziehung, in der immer ein Partner dominanter und einer passiver ist (Geschlecht ist irrelevant, worauf der Film hier wieder mit seinem speziellen Fall der Homosexualität anspielt). Wo man nun meinen könnte, dass die Last nur auf dem passiven bzw. submissive(re)n Part der Beziehung liegt — und das wird durch das anfängliche bösartige Spiel der Domina Cynthia in diesem Film ja auch geschickt in die Zuschauererwartung mit eingeflochten — irrt man jedoch, so Strickland. Denn wie „The Duke Of Burgundy“ zeigt, ist es ebenso eine Last, das Verlangen nach Passivität, Submissivität, Degressivität (wie auch immer) in einer Partnerschaft zu bedienen. Hier irrt auch mancher Feminismus, der meint, (die überwiegende) männliche Dominanz in der gegenwärtigen Sexualität sei einzig ein Privileg, das nur Vorteile mit sich bringe.
Geben und Nehmen neu gedacht
Letztendlich aber, und das ist das gute Recht eines solch kitschfreien Films wie „The Duke Of Burgundy“, lässt Strickland aber die Liebe triumphieren. Was ist Liebe also? Ein Geben und ein Nehmen und eine Kommunikation dazwischen. Diese Kommunikation wird durch den speziellen Fall des Sadomasochismus abermals verkompliziert, da hier ausdrücklich das Gegenteil von Liebe (Beleidigungen, Demütigungen) essenzieller Teil der Liebe ist. In einer wirklich famosen Szene kommt dies besonders zum Ausdruck als Haushälterin Evelyn liebevoll im Bett neben Cynthia liegt und zu ihren (gespielten) Beleidigungen entfesselt masturbiert.

Von Menschen und Insekten
Warum nun aber ist Cynthia ausgerechnet Insektenforscherin? Nur der surrealen Optik wegen, die immer wieder mit Nahaufnahmen von vorbeifliegenden Motten bzw. Mottenschwärmen Affekte provoziert? Vielleicht. Tatsächlich ist vieles in „The Duke Of Burgundy“ unter dem Tatverdacht, einzig ein optisches, selbstverliebtes Gadget zu sein (man denke z.B. an diese mittelalterliche Kostümierung von Haushälterin Evelyn mit ihrem Kapuzengewand, wie sie an einem Bächlein sitzt und dem Pilzen beim Wachsen zusieht. Wozu?) Jedoch funktioniert der Verweis auf das Insekt immerhin als ein harter Kontrast zu der Kompliziertheit und Komplexität menschlicher Sexualität und ihrer (häufigen) soziokulturellen Rechtfertigung, der Liebe. Da ist es vielleicht eine feine, poetische Ironie, dass es im Film so gut wie nur zwei Menschen gibt und so viele Insekten. Ist doch die Fortpflanzung etwas, dessen Sinn abhanden gekommen scheint, im Wirrwarr der sexuellen Unklarheit. Und ganz sicher ist es auch eine ironische Note, dass in diesem Film Insekten wissenschaftlich erforscht werden, denn eigentlich wird hierin etwas ganz anderes erforscht: der Mensch.
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