The Irishman

Rückschau des weis(s)en alten Mannes.

Originaltitel: The Irishman
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 2019
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Steven Zaillian (nach einem True-Crime-Bericht von Charles Brandt)
Produktion: Troy Allen, Gerald Chamales, Robert De Niro, Randall Emmett, Gastón Pavlovich, Jane Rosenthal, Martin Scorsese, Emma Tillinger Koskoff, Irwin Winkler
Kamera: Rodrigo Prieto
Montage: Thelma Schoonmaker
Darsteller: Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci, Harvey Keitel, Stephen Graham, Bobby Cannavale, Kathrine Narducci, Domenick Lombardozzi, Garry Pastore, Anna Paquin, Ray Romano
Laufzeit: 209 Minuten

Quelle: moviepilot.de
“Ich höre, du streichst Häuser.” Diesen Satz hört Frank “the Irishman” Sheeran (Robert De Niro) oft, doch die Farbe, von der hier die Rede ist, ist Blut. Es ist dieser Satz, mit dem in Mafiakreisen die Ermordung von Feinden in Auftrag gegeben wird ist. Mit diesem Satz nimmt auch Jimmy Hoffa (Al Pacino) erstmals Kontakt zu ihm auf.
In der Folge entwickelt sich zwischen den beiden nicht nur eine professionelle Partnerschaft, sondern auch eine Freundschaft. Seine Effektivität, die 25 Gangstern das Leben kostet, lässt Frank Sheeran schnell zur Legende werden, die ihn trotz seiner irischen Abstammung bis an die Spitze der italienischen Mafia-Familie von Russell Bufalino aufsteigen lässt. Als sein Boss eines Tages die Beseitigung von Hoffa in Auftrag gibt, wird seine Loyalität vor eine schwere Prüfung gestellt.

Replik:

Vier Mafiosi sitzen in einem Auto. Die Rückbank ist nass, es stinkt. Belehrend erklärt ein älterer Mafioso einem jüngeren, dass man einen Fisch nicht unverpackt auf die Rückbank legt, den Geruch würde man niemals wieder aus dem Auto herausbekommen. Es ist ein bisschen unklar: ist der Fisch eine Metapher für irgendwas? Gab es den Fisch wirklich oder ist die Bank aus einem anderen Grund nass? Wie wir aber im Laufe des Gesprächs erfahren, ist die Bank tatsächlich aufgrund eines Fisches nass. End of story. Eine Szene, wie sie auf den ersten Blick beliebiger nicht sein könnte und wie symptomatisch sie doch für „The Irishman“ ist: Martin Scorsese hat (mit wohl einem seiner letzten Filme) einen Film gemacht, der verliebt in seine eigene Trägheit ist. Und das durchaus zurecht, denn man muss sagen: seine „Viskosität“ ist gleichzeitig sein größter Trumpf. „The Irishman“ ist nicht nur das erwartbare Zitieren und Noch-einmal-aufleben-lassen derer Elemente, die Scorsese einst weltbekannt gemacht haben. Nein, vielmehr ist er der Kommentar eines weis(s)en alten Mannes* auf seine vorherigen Arbeiten. Die ausufernde Sperrigkeit und beinharte Epizität dieses Werks sind darin genau die bewussten und meisterhaft beherrschten Werkzeuge, um auf das reiche Schaffen Scorseses zurückschauen und dieses gleichzeitig zu beschließen.

*später mehr zu diesem blöden Wortspiel

Das Netflix-Paradoxon

Ich will weiß Gott nicht zu sehr auf diese filmpolitische Randnotiz eingehen, aber man kommt nicht ganz um die Ironie herum: Es ist ausgerechnet Netflix; der große zum Marktmonopol verdammte Branchenriese, der uns algorithmisierte Dramatik eingebracht hat, ebenso wie Serien, die auf ihrem Höhepunkt sterben, weil sie zu geringe Gewinnmargen abwerfen oder zum Weiterlaufen vergewaltigt werden, wenn der kaufende Populus das wünscht. Netflix, deren Filmauswahl nicht einmal mit dem von der Lufthansa mithalten kann. Ausgerechnet Netflix hat jetzt aber nach „Roma“ zum wiederholten Male den vielleicht besten Film des Jahres produziert. Und das, indem man genau das gemacht hat, was nur in den größten Zeiten des Kinos Usus war: nämlich einen großen Auteur das eingeforderte Budget, samt Spiellänge zu geben und ihn einfach mal machen lassen. Für Netflix wird „The Irishman“ und seine Oscar-Auswertung ein weiterer Prestige-Erfolg sein, den man eigentlich nicht verdient hat. Aber da ein guter Film dadurch immer noch ein guter Film bleibt und ein herausragender ein herausragender, kommt man nicht darum herum Netflix zähneknirschend zu danken. Es ist deswegen doppelt, drei- und vierfach ironisch, weil „The Irishman“ nicht nur wegen seiner Prieto-Bilder ins Kino gehört, sondern weil sich seine Zeitlichkeit nur dort entfaltet. In Häppchen unterteilt, wird sich „The Irishman“ wie eine unordentliche Ansammlung gutgemachter Einzelszenen anfühlen und unpausiert ist genau diese Unordnung ein adäquater Ausdruck eines biografischen Rückblicks. Der Pausebutton ist der natürliche Fressfeind des Iren.

Die Banalität des Bösen

Frank Sheeran, unser Protagonist, ist ein Auftragskiller der sizilianisch-amerikanischen Cosa Nostra. Man könnte jetzt einen Thriller mit nervenaufraubenden Shootouts erwarten oder zumindest — wie für Martin Scorsese üblich — eine Darstellung des Mafiabetriebs als ein Faszinosum, als eine lustvolle, erotisch-anziehende Dynamik, in der auch gelacht und zu Beat-Musik mitgesungen werden darf. In Form genüsslicher Selbstzitate blitzt das von Scorsese mitentwickelte „Genre“ auch immer mal wieder durch, aber wird eben auch immer wieder in einer überdehnten Dramaturgie versenkt, die sich absichtlich jedem Spannungsbogen verwehrt. Der Film beginnt bereits mit einer Kamerafahrt durch ein Altersheim, wo wir einen über 80-jährigen Frank Sheeran sehen, der über sein Leben sinniert. Wir wissen: Der Irishman hat bis zum Ende überlebt, über fast jede andere Figur, die auftritt werden wir in einer Einblendung über ihren Todestag informiert. Scorsese torpediert also förmlich jegliche dramatische Erzählweise, der Genese von Spannung, im Vornherein. Warum? Weil Scorsese hier einen letzten, endgültigen Mafia-Film gedreht hat, der das allzu Mythisierte entzaubert und im besten Sinne des Wortes „banalisiert“. Wie der alte Mann Frank Sheeran auf sein Leben zurückblickt, verschachtelt und achronologisch schwadroniert und sich in scheinbar irrelevanten Details verliert, so muss man „The Irishman“ zudem als einen Rückblick Scorseses auf sein eigenes Oeuvre verstehen. Ein entmystifizierender und entheiligender, der das Mafia-Dasein endlich als das Eigentliche zeigt. Als einen schnöden Alltag. In dem das Morden ein leidenschaftsloser Job ist und man sich emotional vielleicht mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Premiere einer zukunftsweisenden Technologie

Viel wurde über die teure computergenerierte Verjüngungskur diskutiert, die Scorsese seinem Altstar-Cast um Robert de Niro, Joe Pesci und Al Pacino auferlegt hat. Filmgeschichtlich ist das jetzt schon relevant, da hier das erste Mal eine Technologie zum Einsatz kommt, die (ausgereift und ökonomisch erschwinglicher) Filmemachen für immer verändern wird. Vorbei könnten die Zeiten sein, in denen man noch über Doppel-Besetzungen ein und derselben Figur diskutieren muss (was man ironischerweise auch bei „The Irishman“ muss, wo die optisch kaum passende Anna Paquin versucht auf kleinlichste Weise das subtile Schweigen der 12-jährigen Lucy Gallina nachzuahmen). Zugegeben: gerade in Zeiten von FaceApp mit seiner beeindruckenden Treffsicherheit ist diese ähnliche Technologie in „The Irishman“ gar nicht mal so brillant. Deutlich sieht man die Mimiken alter Männer in den vermeintlich jungen Gesichtern der Altstars, die zudem ein bisschen zu sehr wie glattgebügelte Oberflächen ohne Unreinheiten erscheinen, fast wie ein schlechter Schönheitsfilter eines Handys. ABER: Erstens ist das bei weitem nicht die entscheidende Qualität dieses Meisterwerks, zweitens entsprechen diese jung/alt-hybride Gesichter ein wenig gar dem menschlichen Erinnerungsvermögen, das die jüngeren Ichs der Mitmenschen immer ein bisschen anders (älter) in Erinnerung hat, als sie tatsächlich waren.

„It is what it is.“

„The Irishman“ zeichnet die Cosa Nostra als ein absolutistisches System, das nach einem unumstößlichen Regelwerk funktioniert, dessen äußerste Konsequenz immer der Tod ist. Gleichzeitig ist Mafia hier aber auch ein Spiel unter Freunden. Eben eine „gemeinsame Sache“ (italienisch: cosa nostra), das wie ein Kodex über allem steht, sogar über dem Leben der Freunde. Am Ende muss sich Frank Sheeran zwischen dem Leben seiner besten Freunde, dem Mafia-Boss Russell Bufalino und dem Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa entscheiden — und entscheidet sich den Spielregeln entsprechend. Unzählige Male wird dem Todeskandidaten zuvor freundschaftlich drauf hingewiesen, dass es keine andere Wahl als seine Ermordung gäbe, wenn er sich nicht beugen werde. „It is what it is.“ Ein Satz, der erklärungslos fällt und den man dank seines Kontextes sofort versteht: Tu was dir gesagt wird oder wir müssen dich leider umbringen. Wenn man am Ende den einzigen Überlebenden Frank Sheeran im Seniorenheim sitzen sieht, allein und dabei immer noch schweigsam, haben wir ein (Mit)gefühl darüber gewonnen, wie sich das Tätersein anfühlt. Vielleicht auch wie sich ehemalige NS-Verbrecher wohl fühlen. Nicht umsonst lokalisiert Scorsese Sheerans erste Berührung mit dem Mord, im Zweiten Weltkrieg, als sich Sheeran eines Kriegsverbrechens schuldig macht und dabei einredet, es hätte keine Wahl gegeben. Ein psychologisches Motiv der Selbstexkulpation wie sie Sheeran sein ganzes Leben lang behalten wird.

Weiblichkeit in Absenz

Dabei liegt die zentrale Pointe des Films doch ganz woanders. Es ist die Frage nach der abwesenden Weiblichkeit. Figuriert als Pars pro toto an der Tochter Peggy, um deren Liebe Frank Sheeran sein ganzes Leben lang vergeblich buhlt. Aber eben gefangen in seiner eigenen Unfähigkeit einer Aussprache oder dem Zeigen aufrichtiger Zärtlichkeit, fernab patriarchaler Stärkedemonstrationen. Die komplexe Psychologie, die darunter zum Vorschein kommt, wäre von einem Tolstoi oder Dostojewski über Seiten hinweg beschrieben worden und Scorsese/Zaillian erreichen diese rein durch Kombination von Momenten oder noch wichtiger: durch Auslassung. Denn „The Irishman“ ist bei seiner dreeinhalbstündigen Fülle ironischerweise ein Film über das Nicht-Gezeigte und Nicht-Erlebte. Unter all dem minutiös dargelegtem Mafia-Alltag liegt nämlich immer die Reue, nicht ein besserer Vater gewesen zu sein, nicht mehr Zeit mit der Tochter verbracht zu haben. Hier hat der Film auch so etwas wie eine antipatriarchale Dimension.

Martin Scorsese ist ein weißer alter Mann. Robert de Niro ist einer, Joe Pesci ist einer, Al Pacino ist einer. „The Irishman“ ist ein Film über weiße alte Männer. Gerade Mafiosi sind ja (von ihrer Migrationsgeschichte abgesehen) perfekte Exemplare des weißen alten Mannes. Stabilisieren sie doch ein kriminelles, familiär-(!)-hierarchisches auf Gewalt und angedrohter Gewalt basierendes System, das auf dem Konzept stetiger Reproduktion und Ausweitung aufbaut und Frauen von Vornherein aus Machtfragen ausschließt . Dieses System toxischer Männlichkeit wird von Scorsese mustergültig seziert und auch einer gewissen Lächerlichkeit und Traurigkeit ausgeliefert. Ohne aber zu einer empathielosen Farce zu geraten, denn gleichermaßen ist die Würde der Figuren durch die Authentizität des Schauspiels gesichert, in dem sich De Niro, Pesci und Pacino in gewisser (und metamedialer) Weise auch selbst spielen. Das Mutige und Seltene an diesem Film ist, dass er den weißen alten Mann aus der Sicht des weißen alten Manns erzählt und gerade die Aussparung und Absenz der Frau zum Mittel der Ideologiekritik macht, indem er sie (durch dreieinhalb Stunden Mafia-Schwadronage hindurch!) spürbar macht. Eine Spielweise anti-patriarchaler Geisteshaltung wie sie von einem dogmatischen Feminismus, der einzig auf noch-so-unsinniger Repräsentationspolitik besteht, natürlich nicht verstanden wird. Auch weiße alte Männer dürfen weiße alte Männer kritisieren. Und das auch auf ihre Weise. Hören wir den Großvätern im Altersheim doch bitte zu, wenn sie etwas Sinnvolles zu sagen haben.

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